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Full text of "Medicinische Deontologie: Ein kleiner Katechismus FU?r angehende Praktiker"

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^Gdicinische Seontologie. 



Ein kisiner KaMisnus 
für angehende Praktiker 



t)r. Julius Pagel 

"it Unit minlJa.'cnl la Bwllo. 



Berlin IV. 31 
VRRl.AO VOX OSCAR COBLBNTZ 



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^edicinische Deontologie. 



Ein kleiner Kateciiismus 

für angehende Praktiker 



von 



Dr. Julius Pagei 

Arzt und Privaidocent ia Berlin. 




Berlin W.3ö 

VERLAG VON OSCAR COBLBNTZ 

1897. 



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Herrn Geheimen Medicinal-Rath 

Professor Dr. v. Leyden 

ans Dankbarkeit für manche werthvolle Anregung 
auf historisch-medicinischem Gebiete 



hochachtungsvoll zugeeignet. 



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Inhalt. 



Seite 

I. Binleitendes 1 

II. Litterar-Historisches 6 

III. Die Uebergangszeit von dem Staatsexamen bis zur definitiven 
Wahl eines Niederlassungaortes 27 

IV. Allgemeines Verhalten des Arztes in hygienischer, sittlicher, 
öconomischer und gesellschaftlicher Beziehung 33 

V. Arzt und Patient 41 

VI. CoUegialitat 50 

VII. Aerztliche Consilien, Verein swesen, Disciplin 57 

VIII. Buch- und JoumaIfQhrung, Hcnorarwesen und anderes Oeco- 

nomische 69 

IX. Verhalten des Arztes im Verkehr mit Apotheker, Droguisten, 

Chemiker, Heilgehilfe, Hebeamme und Kurpfuscher .... 73 

X. Stadt- und Landarzt 78 

XI. Der Armenarzt 82 

XII. Der Kassenarzt 87 

XIII. Der Medicinalbeamte 91 

XIV. Nachwort 95 



Vorrede. 



Die nachfolgenden Blätter bilden mit unwesentlichen Aende- 
rungen die Zusammenstellung von XIII in dem Jahrgang 1896 
der Allgemeinen Medidnischen Central-Zeitung (No. 23—41 ff.) 
veröffentlichten Artikeln. Trotz einiger anerkennender Zuschriften, 
sogar aus Holland, wo meine kleine Arbeit in mehreren Nummern 
(24— 2ö) des „Qeneesknndige Courant" eines eingehenden Referats 
gewürdigt worden wai*, lag mir der Gedanke einer gesouderten 
Herausgabe der unbedeutenden Aufsätze völlig fem. Der Schrift- 
satz in der Druckerei war längst vernichtet, als mir unter dem 
20. Oktober d. J. folgende, überaus liebenswürdige Zeilen des 
Coli. Albin Burkhard t aus Dresden zugingen: 

Sehr geehrter Herr College! 

Im Namen vieler Collegen glaube ich sprechen zu 
dürfen, wenn ich Sie bitte, lassen Sie Ihi^e Aufsätze aus 
der Med. Central-Zeitung über „Medicinische Deontologie" 
in Broschürenform erscheinen. Ein einstimmiges ürtheil 
herrscht wohl darüber, dass Ihre Artikel das Beste und 
Klarste mit sind, was in den letzten Jahren den jungen 
Collegen geboten worden isl. 

Mit ausgezeichneter Hochachtung etc. 

Einem so freundlichen Appell vermochte ich allerdings nicht 
lange zu widerstehen, obwohl ich mich von jeder Autoren- 
eitelkeit frei weiss und im Gegentheil manche Bedenken hatte, 
meine bescheidene Leistung noch weiter der öffentlichen Kritik 
preiszugeben. Da jedoch der Herr Verleger sich in entgegen- 
kommender Weise die Kosten einer abermaligen Drucklegung zu 



VIII 

übernehmen bereit erklärte, so habe auch ich die kleine, wenn- 
gleich nicht ganz angenehme Mühe einer erneuten Durchsicht 
der Artikel nicht gescheut und übergebe sie hiermit in der ge- 
wünschten Broschürenform der Oeffentlichkeit. Der heiligen 
„Press-flermandad" (s. v. v.), vulgo Kritik rufe ich nicht ein 
,,parce, precor, precor" zu, sondern ich erbitte mir im Gegen- 
theil schonungslose Efige der Mängel und so viele Verbesserungs- 
yorschläge als möglich, um diese zu Nutz und Frommen unserer 
Collegen event. in einer späteren Verarbeitung verwerthen zu 
können. Den Ausdruck „Katechismus" im Titel habe ich, trotzdem 
er mit der Form der Aufsätze sich nicht deckt — denn be- 
kanntlich versteht man darunter Auseinandersetzungen in Frage 
und Antwort — doch nicht geändert, weil jeder Leser aus ihm 
am besten sofort den Zweck erkennt, um den es sich bei meiner 
Arbeit handelt. Auch die Entstehungsgeschichte derselben, ob- 
wohl sie eigentlich ohne specielleres Interesse ist, konnte ich 
mich nicht entschliessen, dem geehrten Leser vorzuenthalten. 
Er erfährt sie aus dem ersten, fast unveränderten, einleitenden 
Artikel, der zugleich als captatio benevolentiae seitens des Autors 
gelten mag. — So mögen denn diese Aufsätze abermals in die 
Welt treten und ihre Lectüre meinen jüngeren Berufsgenossen 
von einigem Nutzen sein! 

Im October 1896. 

Der Verfasser. 



I. 



Einleitendes. 

im Folgenden werde ich eine Serie von Aufsätzen publidren, 
worin ich mich bemühen will, alles Dasjenige, was sich auf 
ärztliche Ethik und Politik (in weitestem ürnfsinge genommen) 
bezieht, unter möglichst erschöpfender Berücksichtigung der ein- 
schlägigen Verhältnisse, aber in gedrängter, mehr skizzenhafter 
Form so zusammenzustellen, dass diese Mittheilungen dem Arzte 
bei seinem Eintritt in die allgemeine Praxis als Leitfaden, ge- 
wissermassen als eine Art von ethischem und geschäftlichem 
Yademecum zu dienen geeignet sein dürften. Seitens des Heraus- 
gebers der AUgem. Med. Central-Zeitung mit dieser Aufgabe 
betraut, hatte ich verschiedene Bedenken, hauptsächlich, dass 
mir — abgesehen yon dem Mangel wissenschaftlicher Dignität 
einer solchen Arbeit — yon yomherein eigene Unzulänglichkeit, 
die Unmöglichkeit, etwas absolut Vollständiges zu liefern, vor 
Augen stand; indessen bin ich schliesslich dem Appell des verehrten 
CoUegen Lohnstein um so lieber gefolgt, als ich seit Jahren 
bereits die Litteratur auf diesem Gebiete, die monographische 
sowohl wie die zahlreiche in Zeitschriften zerstreute, soweit 
diese bei der gewaltigen Fülle dem Einzelnen übersehbar ist, 
veifolge, einiges Material auch selbst gesammelt habe und es 
mir angelegen sein liess, dasselbe sowie meine Erfahrungen in 
nun 20 jähriger Praxis in meinen akademischen Vorlesungen über 
medicinische Encyclopädie und Methodologie zu verwerthen. 
Mittelbaren Anlass zur Veröffentlichung der nachfolgenden 
„Deontologie^ bot auch der in der Sitzung der Berlin-Branden- 
burgischen Aerztekammer vom 28. Februar 1896 geäusserte 

Pftgel, Modidnisdie Deontologie. 1 



— 2 — 

Wunsch, es möchte für die Studirenden ein besonderer Unter- 
richt über medicinische Ethik an der Universität of&ciell einge- 
führt werden. Nachdem dann in der Presse auf ein hiesiges 
streng philosophisches CoUeg von Dessoir, ,yfiber praktische 
Moral mit besonderer Rücksicht auf die höheren Berufsarten'' 
hingewiesen worden war, sah ich mich veranlasst, dafär als 
zweckmässigeren und näher liegenden Ersatz die Vorlesungen 
über medicinische Encyclopädie und Methodologie in Erinnerung 
7^ bringen. Ich glaubte mich mit der Meinung im Rechte, dass, 
wenn irgendwo, gerade in einer solchen Vorlesung dem seitens 
der Aerztekammer gestellten Verlangen genügt werden müsse. 
Ich weiss durch private Mittheilung, dass das thatsächlich bei- 
spielsweise von dem verstorbenen Haeser in Breslau so ge- 
schehen ist und dass von Theodor Puschmann in Wien der 
betreffende Unterricht auch nicht anders aufgefasst wird. Ich 
selbst bemühe mich gleichfalls, einleitend und appendiciär in 
meinen Vorlesungen über den bezüglichen Gegenstand das 
Ethische in dem Berufe des Arztes speciell zu betonen, auch 
im Einzelnen gewisse Unterweisungen zur erfolgreichen Aus- 
übung der Praxis bestimmter zu geben, als da sind Auseinander- 
setzungen über das Berufsgeheimniss, das Verhältniss zwischen 
Arzt und Patient, zwischen den CoUegen untereinander, das 
Verhalten gegenüber dem Empiriker, den Unterschied in der 
Thätigkeit des Landarztes und Stadtarztes, die Stellung und 
Aufgaben des Physikus, des Kassen-, des Armenarztes u. s. w. 
u. s. w. Aber die weitere Forderung, mit der dann in einer 
hiesigen Zeitung die Aeusserung in der Aerztekammer inter- 
pretirt worden ist, dass der Candidat der Medicin kurz vor dem 
Abgange von der Universität auch noch ofüciell in gewissen 
Bräuchen und Formalien gegenüber dem übrigen Heilpersonal, 
Drogisten, Apothekern, Fabrikanten etc. unterrichtet werde, 
sowie die dort geltend gemachte Motivirung ist entschieden 
meines Erachtens nicht stichhaltig.'*') Einerseits würde mit einer 



*) Um meinem verehrten Gegner nach dem bekannten Satz: 
«Audiatur et altera pars" auch hier das Wort zu lassen, sei die be- 
treffende Notiz aus der hies. Voss. Ztg. vom 5. M&rz d. Js. (Morgen- 
ausgabe) an dieser Stelle in ihrem vollen Wortlaut wiedergegeben: 
Zu der in der Aerztekammer fQr Berlin-Brandenburg gestellten Forde- 



— 3 — 

solchen üaterweisang dem aagehenden Praktiker ein unbe- 
rechtigtes Testimonium paupertatis implicite ausgestellt werden, 
das Zeugaiss der ünbeholfenheit, der Unfähigkeit, aus den 
üblichen Medicinalkalendern und deren bekannten Zusammen- 
stellungen autodidactisch sich zu informiren, andererseits ver- 
kennt man das Wesen der Universität vollständig, wenn man 
zur Erlernung solcher ^^Formalien'' oder meinetwegen auch ge- 
wisser ^^Geschäftsgeheimnisse'* den Apparat einer akademischen 
Vorlesung' in Thätigkeit setzen will. Diese Dinge gehören 
doch wahrlich nicht zu den ,,litterae'^ die in die Universitas 
litterarum mit einbegriffen sein sollen. Die Universität, die kein 
Seminar, keine Drillanstalt, keine Fachschule ist, kinn niemals 
sich auf derartige, mitunter recht triviale Details^ einlassen, 
welche gänzlich ausserhalb des strengen Bereichs der Probleme 
der Wissenschaft und Kunst tallen. Soll wirklich ein Universitäts- 
lehrer über die Praktiken vortragen, die äusserlichen Kunst- 
stücke lehren, deren der Arzt mitunter bedarf, um am Kranken- 
bette zu reüssiren? 

Schliesslich wolle man bedenken, dass unsere Medicin- 
studirenden keine Idioten sind, keine Säuglinge, denen man die 
Bissen vorkauen muss. Sie finden die Wege, die zum Fort- 
kommen einzuschlagen sind, sehr bald ganz allein, event. auch 



rvLVLg, dass fUr die Stadireadea eia CoUeg, über ärztliche Bthik und 
Politik gehaltea werden soll, schreibt uas Hr. Dr. Pagal, Privatdozent 
der Geschichte der Medicia aa der hiesigea Uoiversitat: „Ich habe es 
bisher vermieden, ia dieser Aogelegeaheit dai Wort zu nohmen, weil 
es mir widerstrebte, meinea Namea OSeatlich genannt zu sehen. Ich 
muss aber doch darauf aufmerksam michea, dass die betreffenden 
Herren CoUegen der Aerztekammer, die die Nothwendigkeit der Vor- 
lesungen ttber ärztliche Bthik an der hiesigen Universität betont haben, 
nicht zu wissen scheinen, d^s dieseaa Desiderat bereits seit l&ng^rer 
Zeit wieder genUgt ist. Die ärztliche Bthik bildet einen integrirenden 
Theil desjenigen, was zum Golleg aber «Bncyclop&die und Methodo- 
logie der Medicln* gehört. Seit mehreren Semestern lese icli, wie be- 
kannt, darüber und versäume nie, auf die dem Arzte als solchen 
obliegenden Berufsptllchten , die erforderlichen sittlichen Bigen- 
echafien, ärztliche Politik u. s. w. (auch in Begleltuig bezüglicher 
historischer Notizen) hinzuweisen, wozu ich mich all Arzt, der jetzt 
zwei Dezennien in der Praxis steht und alle Prdudtsn und Leiden dieser 
durchgekostet hit, wohl berufen fahlen darf" — Da^s Dr. Pagel das 

l* 



— 4 — 

in dem an entbehrlichen Umgänge, in dem Gespräch mit älteren 
Praktikern, vor Allem dnrch die Erfahrung in der eigenen 
Praxis, dnrch die trotz aller noch so glänzenden theoretischen 
Belehrungen dennoch unvermeidlichen Fehler und Misserfolge, 
wie sie einmal zum Wesen jeder menschlichen (und darum un- 
vollkommenen) Thätigkeit gehören. 

Da kommen Dinge in Betracht, die am besten gar nicht 
öffentlich erörtert werden. Jeder weiss, welche Rolle dabei das 
dicaTdv, das Wort: mundus vult decipi spielt. Ein allgemeiner 
Hinweis, dass eine solche frans, eine solche Sünde gegen den 
heiligen Geist der Wahrheit nicht nur nicht verboten, sondern 
sogar recht verdienstlich, ja im Interesse der Humanität unter 
gewissen Verhältnissen und Bedingungen geboten ist (mit Yor- 
fOhrung einiger schlagender Beispiele, wie die Suggestions- 
wirkung etc.); muss und wird selbst dem simpelsten, schwer- 
fälligsten Mediciner genügen. Allerdings ist zuzugeben, dass 
ungeschicktes savoir faire, mangelhafte Beachtung dieses unge- 
schriebenen „Codex ethicus^' schon manchen, sogar sehr gelehrten 
Arzt mit allem seinem Wissen und Können derartig hat straucheln 
lassen, dass es für ihn nachher keine rechte Rehabilitimng in 
der Praxis mehr gegeben hat» wie wir denn umgekehrt zuweilen 
(ich hüte mich zu sagen: sehr oft) Ignoranten, denen es an dem 
nöthigen Selbstvertrauen, an der dem Kranken gegenüber durch- 
aus erforderlichen Zuversicht im Auftreten nicht fehlt, recht 

früher von Dr. Falk und Dr. Wernich gehaltene CoUeg Qber Bncyclo- 
pAdie der Medicin wieder aufgenommen hat, ist sehr verdienstUch. 
Unseres Erachtens bleibt die Forderung, die in der Aerztekammer er- 
hoben wurde, trotz dieses College über medicinische Bncyclopädie be- 
stehen. Encyclopädie hören der Erfahrung gemäss fast nur Anfänger 
im medicinischen Studium. Im Studienplan der Berliner mediclnischen 
Facultat ist auch die Encyclopädie unter den Collegien, die im ersten 
Halbjahre zu hören sind, vermerkt. Ehe diese Anfanger in die ftrzt- 
Uche Praxis eintreten, ist lange schon aus ihrem Gedächtnisi^e ent- 
schwunden, was sie vor mindestens vier Jahren gehört haben. Noth 
thut den Medicinern, die von der Universität abgehen (und das meinte 
man auch in der Aerztekammer), eine kurze Unterweisung ttber die 
Brauche, die. als standesgemftss im Verkehr und in den sonstigen Be- 
ziehungen der Aerzte unter einander, mit dem Übrigen Heilpersonal, 
den Apothekern. Drogisten, Fabrikanten und dem hilfesuchenden 
Publikum gelten und die streng innezuhalten sind, wenn der Arzt 



— 5 — 

glücklich practicii*en sehen. Diese und ähnliche Thatsachen, 
die yon dem jangen Praktiker nicht ernst genug beachtet werden 
können, sowie der Umstand, dass in allerjttngster Zeit infolge 
zahlreicher Factoren, deren Erwähnung später am Platze sein 
wird, um den Arzt, dessen Unabhängigkeit bisher als besonderer 
Grund zum Stolze empfunden wurde, allmählich ein weiter Kreis 
yon Pflichten mannigfachster Art mit sich fuhrenden Verhält- 
nissen gezogen ist, Pflichten dem hilfesuchenden Publikum, der 
Gesellschaft, der Gemeinde, dem Staate gegenfiber, mögen deu 
Versuch rechtfertigen, nach einheitlichen Gesichtspunkten einmal 
eine Darstellung der gesammten Materie zu geben, soweit sie 
die allgemeine Praxis betrifft. Der künftige Specialist, der 
akademische Lehrer, ebenso der Militärarzt bleiben gänzlich yon 
unserer Betrachtung ausgeschlossen. Selbstyerständlich kann 
es sich dabei nicht um dogmatische .Apercjus handeln. Diesen 
Anspruch zu erheben, wäre mehr als hochmuthig, es wäre 
tliöricht, sondern lediglich um subjectiye Rathschläge und 
Meinungen, die — dessen bin ich yon yornherein ge- 
wiss — hier und da nicht unwidersprochen und uncorrigirt 
bleiben können, auch anderswo schon yiel besser im Einzelnen 
ausgeführt sind, wie das aus dem folgenden Capitel ersichtlich 
sein wird. 



nicht Anatoas erregen will. Solchen Unterricht kann nur ein Arzt er- 
t heilen, der jahrelang die aligemeine arztliche Praxis, am besten sowohl 
auf dem Lande und in der Kleinstadt, als auch in der Grossstadt aus- 
geübt hat. In diesen Unterricht einzubeziehen wftre auch bei dem 
jetzigen Stande der arztHchen Dinge eine Unterweisung über das 
Krankenversicherangswesen. Ob es nothwendig ist, yom Standpunkte 
des Philosophen die Mediclnstudirenden aber arztliche Bthik theoretisch 
zu unterweisen, wie schon geschehen ist, darüber Iftsst sich sehr 
streiten. Das Aufstellen allgemeiner Lehren fruchtet da nicht viel. 
Der Candidat der Medicin, der fast dreiviertel der Lehrstunden in den 
KUniken zubringt und als Praktikant mit einer gewissen Selbständig- 
keit thatig ist, hat tiberdies vollauf Gelegenheit, die ärztliche Bthik 
praktisch zu Oben- Was zu lehren bleibt, das sind sicher fast nur 
Formalien, die in wenigen Stunden den eben approbirten Aerzten vor- 
getragen werden oder noch besser zu einem kurzen «Leitfaden für an- 
gebende Aerzte* zusammengestellt werden könnten. 



II. 

Litterar-Historisctaes. 

Jlis is nicht uninteressant, zu studiren, wie man sich früher 
mit diesem Gegenstande abgefunden hat. Dass die Ethik für ein 
vornehmes Hilfsmittel, wo nicht für eines der wichtigsten Requi- 
site unserer Kunst durchweg von allen Aerzten der verschieden- 
sten Zeiten und Völker gehalten worden ist, beweise ein kurzer 
Gang durch die bezügliche Litteratur. Schon die stattliche Zahl 
der Schriften darüber, die sich auf viele Hunderte belauft, 
spricht dafür. Sie alle Revue passiren zu lassen, ist selbstver- 
ständlich ein Ding der Unmöglichkeit. Beginnen wir mit uoserer 
allerältesten Litteratur, so finden wir bei den Egyptern und 
Indiem, vor Allem aber bei Hippokrates und in der unter 
seinem Namen figurirenden Schriftensammlung eine Unzahl von 
Bemerkungen über ärztliche Ethik und Politik. Bei Hippo- 
krates speciell ist diese bereits auf einer sehr holen Stufe. 
Einzelne selbstständige Monographien des Corpus Hippocraticum 
sind dem Gegenstande gewidmet, so Tcepl eucTx^yioou'yjyg (de decenti 
habitu), icapa'n'eXtat (praecepta), vojxog (lex), iiepl Texvijfo de 
arte,mpl dpxotiijg lairpix'^^, de prisca medicina, auch ein Theil 
der Aphorismen, der Prognostica u. s. w. Ich mtisste einen 
ganzen kleinen Band zusammenstellen, wenn ich ausführlicher 
allein auf Hippokrates eingehen wollte, und verweise daher 
auf das Originalwerk resp. auf die deutschen Ausgaben von 
Upmann, Fuchs, Gompertz etc. Einzelnes führen die 
grösseren Lehrbücher der Geschichte, sowie ein Ende der 70 er 
Jahre bei Spemann in Stuttgart erschienenes interessantes 
„Stammbuch des Arztes^ an. Characteristisch und in seiner 
Knappheit ein Musterbild ärztlicher Ethik ist der bekannte Eid 
der Asklepiaden. „Die Heilkunst", sagt Hippokrates an einer 



— 7 — 

anderen Stelle, „führt znr Frömmigkeit gegen die Götter und 
zur Liebe, gegen die Menschen. Da wo Liebe zur Knnst ist, 
ist anch Liebe zu den Menschen.*" Mit Recht hebt Haeser 
hervor, dass sich in Hippokrates ein mit Menschenliebe ge- 
paarter würdiger Ernst, die höchste Meinung von der ver- 
edelnden Kraft des ärztlichen Berufs offenbart. — Ich empfehle 
gerade jüngeren Berufsgenossen das Studium dieser Partien aus 
Hippokrates' Werken aufs Angelegentlichste. Mit dieser 
litterarischen Thätigkeit wird man ein ganzes Stück practischer 
Ethik anticipiren, die in dem grossen Vater unserer Kunst fast 
in typischer und paradigmatischer Weise verkörpert ist. — 
Nicht minder ausgezeichnet ist das, was sich bei Galen darüber 
findet. Freilich liegt seine Bedeutung für uns mehr nach d^ 
theoretisch-commentatorischen als practischen Seite. Er kannte 
aber das anstössige Treiben seiner Zeit- und Berufsgenossen 
sehr genau und hat nicht selten Gelegenheit genommen, es zu 
geisselo. Daher dürfen wir auch Galen, den Verfasser der 
schönen Schrift: oti dtpiorog larpö^ xal ^iXoaocpog, gewiss zur 
Beurtheilung der rein ethischen Seite des ärztlichen Berufs als 
durchaus competent und seine Lehren noch heute als nützlich 
anerkeonen. Geradezu rafflniit und ebenso für seinen diagno- 
stischen Scharfsinn wie für seine practische Menschenkenntniss 
zeugend sind die Fingerzeige, die er zur Entlarvung von Simu- 
lanten giebt. 

Ich habe vor Jahren das betreffende kleine Document in 
deutscher Uebersetzung an anderer Stelle (D. Med. Wochenschrift 
1887) publicirt. 

Steigen wir tiefer in das Mittelalter hinab, so stossen wir 
zunächst auf die Schriften der arabischen Periode, die durch- 
setzt sind von Bemerkungen ethischen Inhalts. Als Beispiele 
hierfür greife ich heraus vor Allem des berühmten Isaak 
Judaeus „Musar harophim*", Propädeutik für Aerzte (von Soave 
1861 zuerst in italienischer Uebersetzung, von Prof. Dr. David 
Kaufmann hebräisch und deutsch im „Magazin für die Wissen- 
schaft des Judenthums^ [hei*ausgegeben von A. Berliner und 
D. Hoffmann, Band X], publicirt). Gleichviel ob, wie Kauf- 
mann meint, die Autoi-schaft vielleicht einem jüngeren gleich- 



— 8 — 

namigen arabischen Arzt zukommt oder dem zaerst genannten 
weit bedeutenderen Arzt des 9. und 10. Jahrhunderts, {edenfalls 
lehrt uns dies Schriftstäck die hohe Auffassung kennen, welche 
die Aerzte jener Zeit von ihrem Beruf und der sittlichen Wärde 
desselben hatten und wie sehr sie Werth darauf legten, auch 
durch Lehrsätze allgemein-ethischen Inhalts die angehenden 
CoUegen für ihren Beruf zu erziehen. Vieles deckt sich mit 
dem, was wir bei Hippokrates und G-alen finden; Manches 
erscheint entschieden originell. Ich will einige Sentenzen, da 
die Quelle nicht Jedem ohne Weiteres zugänglich ist, hier wört- 
lich deutsch anführen: 3) die Schnelligkeit oder Langsamkeit 
oder Zögerung in der Arbeit eines Künstlers hängt von der 
Bedeutung oder Geringfügigkeit und Gleichgütigkeit dessen ab, 
was er arbeitet. Wer sich mit dem Durchbohren von Perlen 
beschäftigt, muss bedächtig dabei verfahren, um nicht durch 
seine Eile die Schönheit dieser Arbeit zu schädigen. Anders 
Deijenige, der in Strassenschmutz arbeitet. Darum ziemt es 
Denjenigen, der mit der Heilung menschlicher Leiber, welche 
die edelste aller Schöpfungen dieser Niederwelt ausmachen, sich 
befasst, dass er die ihm vorkommenden Krankheiten genau be- 
denke und betrachte und seine Anordnungen mit reiflicher Deber- 
legung und Achtsamkeit treffe, damit er keinen unverbesserlichen 
Fehler begehe. Daher sagt der Weise: So du einen Arzt fibei' 
jede Krankheit, über die du ihn befragst, sofort Auskunft er- 
theilen und seiner Heilmethode sich noch rühmen siehst, so halte 
ihn für einen Thoren. Der Fürst der Aerzte sagt: Nie habe 
ich einem Menschen ein Purgirmittel eingegeben, ohne mich in 
meinen Gedanken zu ängstigen und ohne vorher und nachher 
viele schlaflose Nächte zu verbringen. 4) Ebensowenig wie der 
Arzt nach dem Erwähnten in seinem Vorgehen sich übereilen soll, 
darf er lässig und saumselig sein, da die meisten Krankheiten 
ihm dazu keine Zeit lassen werden. Vielmehr soll er zwischen 
den Gegensätzen die Mitte halten, weder voreilig und über- 
stürzt, noch träge und säumig sein; hingegen soll er in acut^) 
auftretenden Krankheiten rasch denken und handeln, da sie ihn 



^) Darunter hat man hier wohl die mit gefährlichen Zufällen ver- 
bundenen oder einhergehenden AiTectionen zu verstehen. 



— 9 — 

drängeD. 14) Ebenso wie das Stndiam aller über practische 
Medicin verfassten Werke ist auch die Kenntniss des Ein- 
schlägigen ans den Principien der Naturwissenschaft nothwendig, 
von der die Medicin nur ein Zweig ist. Aach gilt es in den 
Methoden der Logik bewandert zu sein, um die als Aerzte 
geltenden Ignoranten zu widerlegen, einzuschfichtern und zum 
Bespect zu bewegen.^ 27) Es gehört zum Character des Arztes, 
dass er in seiner Lebensweise mit einem beschränkten Masse 
gntbereiteter Speisen sich begnüge und kein Schlemmer und 
Prasser werde. Auch ist es beschämend und schmachvoll fOr 
ihn, an einer langwierigen Krankheit zu laboriren, da sonst der 
Pöbel sagt: Wer sich selbst nicht heilt, wie sollte der Andere 
lieilen? 28) Prophezeiungen und apodictischen Aussprüchen ver- 
schliesse deinen Mund ; was du sprichst, soll zumeist hypothetisch 
gefasst sein. 29) G-ieb deinen Mund nicht dazu her, zu ver- 
dammen, wenn etwas einem Arzte zugestossen, denn über Jeden 
kommt seine Stunde. Dich sollen deine Thaten preisen, nicht 
sollst du in anderer Schande deine Ehre finden. 30) Lass Dir 
den Besuch und die Heilung armer und dürftiger Kranken be- 
sonders angelegen sein, da du ein verdienstlicheres Werk nicht 
stiften kannst. 31) Den Kranken sollet du beruhigen, seine 
Genesung ihm in Aussicht stellen, wenn du auch selbst nicht 
davon überzeugt bist, da du damit seine Natur unterstützest. 
32) Apothekern und solchen, welche zusammengesetzte Arznei- 
mittel bereiten, schenke kein Vertrauen, da sie häufig in Folge 
des hohen Preises weniger geben, oder altes oder schwach- 
gewordenes Material nehmen und deinen Erfolg beinträchtigen. 
Nimm darum auch von den zusammengesetzten Arzneien, die sie 
feilbieten, nur wenig. 38) Wenn der Kranke deinen Weisungen 
nicht Folge leistet, oder seine Diener und Hausleute nicht rasch 
deinenAnordnungen nachkommen oder dirnicht die gebührende Ehre 
erweisen, so gieb die Behandlung auf. 39) Dein Honorar von dem 
Kranken bestimme, wenn seine Krankheitim Zunehmen begriffen und 
am heftigsten ist; denn sobald er geheilt ist, vergisst er, was du 



') Dieser Abschnitt gehört streng genommen nicht zu unserem 
Thema probandum; des allgemeinen Interesses wegen mag er hier 
Plats finden. 



— 10 - 

an ihm geleistet hast. 40) Je mehr Idu fär deine Behandlung 
fördern, je theurer du deine Euren ansetzen wirst, desto höher 
werden sie in den Augen der Leute steigen. Gering wird deine 
Kunst nur solchen erscheinen, mit denen du dich umsonst ab- 
giebst. 42) Besuche den Kranken nicht zu Ott und verweile 
bei ihm nicht zu lange, wenn nicht etwa die Behandlung der 
Krankheit es erfordert, denn immer nur der neue Anblick er- 
freut. 50) Allzugrosse Beschäftigung und Anstrengung schwächt 
die Kraft des Arztes und beeinträchtigt seinen G^ist, da er 
stets für jeden Kranken nachdenklich und besorgt wird, seine 
Genesung erhofft und für ihn betet, wie wenn er sein Bluts- 
verwandter wäre. — Mit dieser These schliesst das hochinter- 
essante Opusculum des Isaac Judaeus. Einen wahren Schätz 
von Bemerkungen zur ärztlichen Politik, namentlich auch wie 
sie nicht sein soll, birgt ein anderes arabisches Litteratur- 
prodnct, nämlich die Abhandlung des Razes (Bazi) „über die 
in der medicinischen Kunst vorkommenden Umstände, welche 
die Herzen der meisten Menschen von den achtbarsten Aerzten 
ab- und dem niedrigsten zuwenden. Vertheidigung des achtr 
baren Arztes in allen Punkten und in allem seinem Thun.'' 
Diese kleine Schrift des Razes ist in deutscher ITebersetzung 
in einem Aufsatze „Wissenschaft und Charlatanerie unter den 
Arabern im neunten Jahrhundert'^ von M. Steinschneider in 
Virchow's Archiv, Bd. XXXVI, veröffentlicht worden. Hier- 
auf an dieser Stelle zu verweisen, muss genügen. — Schön ist 
femer das bekannte, dem Maimonides oder, wie er bei den 
Latinobarbaren auch heisst, Rabbi Moyse, zugeschriebene täg- 
liche Morgengebet des Arztes, aus dem ein Passus lautet'): 
„Lass mich beseelen die Liebe zur Kunst und zu Deinen Ge- 
schöpfen. Gieb es nicht zu, dass Durst nach Gewinn, Haschen 
nach Ruhm oder Ansehen sich in meinen Betrieb mische; denn 
diese Feinde der Wahrheit und Menschenliebe können leicht 
mich täuschen und der hohen Bestimmung, Deinen Kindern 
wohl zu thun, entrücken. Stärke die Kraft meines Herzens^ 
damit es gleich bereit sei, dem Armen und Reichen, dem Guten 
und Schlechten, dem Freund und Feind zu dienen. Lass im 



•( 



8) Vergl. Allg. Zeitung des Judenthums, 1892, No. 25. 



I 



— 11 — 

Leidenden mich stets nur den Menschen sehen; möge mein Geist 
am Bett des Kranken stets Herr seiner selbst bleiben nnd kein 
fremder Gedanke 'ihn zerstreuen, damit Alles, was Erfahrung 
und Forschung ihn lehrten, ihm stets gegenwärtig sei; denn 
gross und selig ist die sinnende Forschung in der Stille, die der 
Geschöpfe Wohl und Leben erhalten soll. Verleihe meinen 
Kranken Zutrauen zu mir und zu meiner Kunst und Befolgung 
meiner Vorschriften und Weisungen. Verbanne von ihrem Lager 
alle Quacksalber und das Heer rathgebender Verwandten und 
überweiser Wärterinnen; denn es ist ein grausames Volk, das 
aus Eitelkeit die besten Absichten der Kunst vereitelt und 
Deine Geschöpfe oft dem Tode zuffthrt. Wenn Unkundige mich 
tadeln und verspotten, so möge die Liebe zur Kunst wie ein 
Panzer meinen Geist unverwundbar machen, damit er, auf Ruf, 
Ansehen und Alter seiner Feinde nicht achtend, beim Wahren 
verharre. Verleihe, o Gott, mir Milde und Geduld mit ver- 
letzenden, eigensinnigen Kranken; gieb mir Mässigung in Allem, 
nur nicht in der Erkenntoiss; in dieser lass mich unersättlich 
sein, und fern bleibe der Gedanke, dass ich Alles wüsste und 
könnte. Gieb mir Kraft, Müsse, Willen und Gelegenheit, mein 
Wissen stets mehr zu erweitem; mein Geist kann heute L:r- 
thümer in seinem Wissen erkennen und entdecken, die er gestern 
nicht ahnte; die Kunst ist gross, aber auch des Menschen Ver- 
stand dringt immer weiter." Eines Commentars bedarf dieses 
Gebet, das in seiner Einfachheit geradezu rährend ist, und als 
klassisches Paradigma einer gedrängten ärztlichen Ethik be- 
zeichnet werden kann, nicht. Reiche Ausbeute in Bezug auf 
diesen Gegenstand finden wir auch bei den europäischen Aerzten 
und Wundärzten des Mittelalters, besonders den letzteren. Zu- 
nächst kommen die Salernitaner in Betracht. In ihrer Litteratur 
ist für alle Disciplinen gesorgt. Sie enthält auch eine werth- 
voUe Schrift ttber unser Thema; es ist die bekannte, die den 
Titel fuhrt: De adventu medici ad aegrotum (abgedruckt in der 
Collect Salemit., II). Auch ein Abschnitt des grossen Saler- 
nitanischen Lehrgedichts, einer Art von comprimirter med. Ency- 
clopädie, überschrieben: De arte, gehört zum TheU hierher, be* 
sonders Gap. V und VI. Es sei gestattet, diese im Urtext in 
toto hier zu reproduciren : 



— 12 — 

Cap. y. Ad praecaveodam aegrorum ingratitudinem. 

Non didici gratis, nee musa sagax Higpocratis 

Aegris in stratis serviet absque datis 

Erupta solet care moltum medicina juvare 

Si qnae detur gratis, nil affert utilitatis. 

Res dare pro rebus, pro verbis verba solemus 

Pro yanis verbis montanis utimnr herbis; 

Pro caris rebus, pigmentis et speciebus. 

Est medicinalis medicis data regnla talis. 

Ut dicatur: da, da, dum profert langnidus ha, ha! 

Da medicis primo medium, medio nihil imo. 

Dum dolet infirmus medicus sit pignore flrmus; 

Instanter quaerat nummos, vel pignus habere; 

Fidus nam antiquum conservat pignus amicum, 

Nam si post quaeris, quaerens inimicus haberis. 

Cap. VI. Medicaster. 
Fingit se medicus quivis idiota, prophanus, 
Judaeus, monachus, histrio, rasor, anus, 
Sicuti Alchemista medicus fit aut saponista, 
Aut balneator, falsarius aut oculista. 
Hie dum lucra quaerit, virtus in arte perit. 

Viel Material zur ärztlichen Politik bieten, wie erwähnt, 
femer die hervorragenderen Chirurgen des Mittelalters. Ich er- 
wähne zunächst Wilhelm von Saliceto, dessen Einleitung zu 
seiner „Summa conservationis et curationis^ eine ärztliche Politik 
im besten Sinne des Wortes enthält. Er sagt (vergl. die Berliner 
Dissert. von Grunow, „Die Diätetik des Wilh. von Saliceto" 
1895) — ich citire in freier deutscher üebersetzung: der Arzt 
solle recht sorgfältig den Puls studiren, lange und eingehend 
befahlen und dabei eine nachdenkliche Miene machen; das im- 
ponirt dem Laien und setzt Vertrauen zur Kur beim Kranken. 
Auch sonst solle der Arzt, hauptsächlich durch eingehende Auf- 
nahme der Anamnese, Alles daran setzen, sich das Vertrauen 
des Kranken und seiner Umgebung zu erwerben; dadurch würde 
das Heilverfahren (vermöge der Einbildungskraft des Pat.) sich 
wirksamer und erfolgreicher gestalten, als durch Anwendung 
vieler Medicamente und Instrumente. Die Prognose sei dem 



^k 



— 13 — 

Kranken gegenüber nur gnt zu stellen, dagegen mSge der Fall 
bei der Umgebung als ein schwerer geschildert werden, damit 
der etwaige onglfickliche Aasgang nicht dem Arzte znr Last 
gelegt werde. An dem Lob der Thörichten, der laienhaften 
Ignoranten dürfe dem Arzt nicht gelegen sein; das würde nur 
Yertraulichkeit mit dieser Menschenklasse voraussetzen lassen, 
und diese sei eines Arztes unwürdig, zumal da Vertraulichkeit 
schliesslich auch Verachtung erzeugt. Ganz unschicklich ist es, 
sich in Gegenwart von Laien über die Ursachen der Krankheit 
und den Heilplan ausführlich disputirend auszulassen, das dürfe 
nur in vertraulicher Berathung mit CoUegen geschehen; denn so- 
bald die Laien irgend eine Controverse in den Anschauungen 
hinsichtlich der Diagnose oder Behandlung merkten, gehe damit 
auch das Vertrauen verloren. Möglichst nachdenklich, schweig- 
sam, mit zu Boden gesenktem Antlitz solle der Arzt dastehen, 
eine Physiognomie annehmen, dass die Umgebung denkt, in ihm 
sind alle Schlüssel der Weisheit verborgen, und von seinem 
Willen lediglich hänge die Fähigkeit ab, das Wahre vom Zweifel- 
haften zu sondern („Nam taciturnitas cum humilitate et facie 
depressa in qua videatur cogitatio cum sollicitudine facit fidem 
hominibus ut in mente humilis vel tacentis sint daves sapientiae 
sie inclusae quod possit veritatem a dubiis si placeret enucleare, 
etiam si in tali cognitio veritatis nullo modo reperiretur'). Beim 
Schwatzen kommt nur Sunde zu Tage, Schweigen dagegen fällt 
nicht dem Tadel thörichter Bede anheim. Nur das Nöthigste 
ist mit den Angehörigen zu besprechen. Vor Allem auch hüte 
sich der Arzt, in Gegenwart des Kranken mit der Frau des 
Hauses über interne Angelegenheiten zu reden; der dadurch 
hervorgerufene Verdacht könnte auch ein schlechtes Licht auf 
das ärztliche Wirken werfen und dem Arzt einen bösen Ruf 
bereiten. Er halte sich überhaupt von AUem fern, was seinem 
Ruf beim Publikum schädigen könnte. Seine Leistungen lasse 
er sich gut honoriren. Der Arzt gehe nicht hochmütig und in 
feinem Aufputz einher, suche nicht durch auffallendes, unschick- 
liches Benehmen Anstoss zu erregen. Der Besuch des Ki*anken 
erfolge nur auf dessen Wunsch; kommt der Arzt zu oft, so 
macht er sich des Eigennutzes verdächtig. Mit der Verabreichung 
von NarcotidS oder Giften sei man ganz ausserordentlich vor- 



— u — 

sichtig und zurückhaltend, ebenso seien Abortiv- oder conceptions- 
widrige Mittel absolut unstatthaft. Der Arzt, der solche ver- 
ordne, verfalle gerichtlicher Bestrafung und lade noch eine 
schwere Sündenschuld auf sich — ganz abgesehen von dem 
Yerdict der menschlichen Gesellschaft, die einen solchen Arzt 
sein Leben lang meiden würde. Das Studium der Alten sei zur 
weiteren Ausbildung in der Kunst und Wissenschaft unerlässlich. 

Soweit Saliceto. Ungleich ausführlicher ist, wie ich be- 
reits an andererstelle nachgewiesen habe, Mondeville (vergl. 
die chirurgische Hodegetik und Propädeutik des H. v. M. D. Med.- 
Ztg., 1891). Ich gehe auf diesen Schriftsteller deshalb hier nicht 
näher ein, weil er mir genügend bereits nach dieser Sichtung 
hin verwerthet zu sein scheint. Nur die Bemerkung sei ge- 
stattet: Mondeville lässt sich beispielsweise über den Modus 
bei Consultationen mehrerer Aerzte mit solcher Breite aus, dass 
daraus Nicaise sogar einen eigenen kleinen Essay „Les con- 
sultations entre mödecins au XIV. siecle" veröffentlicht in der 
Revue scientiflque, 1894) fertig gebracht hat. Wenn man sich 
überzeugen will, wie wenig die Welt sich in practischer Ethik 
(speciell in Hinsicht auf manche Vertreter des Aei^testandes) 
gebessert hat, so lese man den grossen von Mondeville der 
ärztlichen Hodegetik gewidmeten Abschnitt Wort für Wort 
durch. Man wird sich überzeugen, dass bereits im 18. — 14 Jahr- 
hundert dieselben „Kniffe" (s. v. v.) und Practiken usuell waren, 
wie heutzutage immer noch; es existirt auch nicht um eines 
Haaresbreite ein Unterschied zwischen Einst und Jetzt. Bei- 
läufig bemerkt, verdienen Mondeville's Menschenkenntnisse, 
seine Vertrautheit mit den erwähnten Dingen, die Art, wie er 
das Treiben einzelner seiner CoUegen durchschaut und genau 
schildert, auch heute noch Anerkennung. 

Beherzigenswerth sind die die ärztliche Berufswürde und 
Moral betreffenden Vorschriften bei den beiden Portugiesen 
Bodrigo de Castro (1550—1627) und Zacutus Lusitanus 
(1575—1642) in ihren Schriften „Introitus ad praxin" bezw. 
„ MedicopoUticus " .*) 

Ein kühner Sprung von diesen Autoren über ein Jahrhundert 

^) Diesen Hinweis verdanke ich einer freundlichen Mlttheilung 
des Coli. R. Landau (Nürnberg, frtther Frankenberg). 



— 15 — 

hinweg führt ans in die neuere Zeit und zwar zunächst zu dem 
historische Berühmtheit geniessenden „Medicus politicus'' Frie- 
drich Hoff mann 's, des grossen Hallenser Arztes und Syste- 
matikers des 18. Jahrhunderts. Das Werk ist deutsch von 
Auerbach unter dem Titel ,,Politischer Medicus, oder Klng- 
heitsregeln, nach welchen ein junger Medicus seine Studia und 
Lebensart einrichten soll^' (Leipzig, 1753) herausgegeben. Das 
erte Capitel lautet folgendermassen^): Der Arzt sei Christ. 
Christ ist derjenige, welcher nicht [nur die christliche Glau- 
bens- und Heilslehre kennt, sondern auch durch seine Lebens- 
führung bestätigt, was und wie er glaubt, der nicht nur mit 
dem Munde sich zu Christo bekennt, sondern ihn auch in seinen 
Werken nachzuahmen sucht. Ist daher der Arzt ein guter 
Christ, so wird er auch Mitleid üben müssen besonders gegen 
die Armen, ihnen niemals unentgeltliche Hilfe versagen . . . 
Der Arzt sei nicht habsüchtig, nicht stolz, sondern herablassend. 
Es giebt zwei Arten von Stolz: die eine zeigt sich darin, dass 
man Menschen aus niederer Lebenslage unzugänglich ist, die 
andere darin, dass man an glänzendem Aufputz und grosser 
Dienerschaft seine Freude hat. Beide Arten von Stolz sind für 
den Arzt verderblich. Humanität zu üben, kommt ihm um so 
eher zu, als er gerade weiss, wie hinfällig, wie gebrechlich der 
Mensch ist, der zwischen Koth und Urin seinen Ursprung nimmt 
und dessen Leben nur ein Schatten ist. — Die H off mann'- 
sehe Schrift, deren Analyse ich wegen ihres Interesses geben 
will, umfasst 29 Seiten im II. Supplementbande der von dem 
Altorfer Professor Johann Heinrich Schulze veranstalteten 
Genfer Folio- Ausgabe (1754). Sie zerfällt in drei Theile. Theil I 
ist überschrieben: de prudentia circa personam ipsius medici 
und enthält fünf Capitel. Von Cap. I de religione et stndiis 
medici haben wir eben die Regula I kurz wiedergegeben. Regula 11 
lautet: Der Arzt sei massig und disputire nicht viel über Reli- 
gions- und Glanbenssachen. 3. Regel : Der Arzt sei kein Atheist. 
4 Regel: Der Arzt sei nicht abergläubisch. 5. Regel: Der 
Arzt sei ein Philosoph. 6. Der Arzt sei „eruditus". „Id est", 

^) Nach dem Original (Pol.- Ausgabe, Genf, 1754, 1. Supplement- 
Band, pag. 389) in eigener Uebersetzung, da mir die Auerbach*sche 
nicht zugänglich ist. 



— 16 — 

fägt Hoff mann in einem längeren Commentar, mit dem jede der 
genannten und noch folgenden Begeln ausgestattet ist, hinzu, ,,ab 
omni ruditate liber, hoc impetrat, si addiscit linguas, ex quibus 
Latina cardinalis didtur/ Regel 7 lautet: Medious discat 
praxin Clinicam et individnalem. 8. Medicus nosse debet 
chirurgiam. Damit schliesst Cap. I. Es folgt Cap. II über die 
Hilfsmittel beim medicinischen Studium: 1) der Arzt muss sich 
eine Anzahl guter Lehrbücher anschaffen; 2) Tagebücher anlegen, 
in die er seine practischen und experimentell-chemischen Beob- 
achtungen und Ergebnisse einträgt, ausserdem 3) eine Sammlung 
von loci communes herstellen; damit meint Hoff mann CoUec- 
tanea oder Register nach bestimmten Schlagwörtern geordnet, 
zu dem Zwecke, dass der Arzt Alles, was sich auf einen be- 
stimmten Gegenstand bezieht, sogleich beisammen finde, wenn 
er es braucht. 4) solle sich der Arzt ein besonderes Bfichelchen 
zurechtmachen, worin er unter der Rubrik: consilia medica ju- 
diciaque de Yulnemm lethalitate varia das Bezügliche aus eigener 
und fremder Praxis zusammenzustellen habe; endlich 5) solle der 
Arzt seine Studien nach einem bestimmten, zeitlich und nach 
den Materien geordneten Plan treiben. Cap. III handelt yon 
besonderen, dem Arzte zur Erhaltung seines Rufes höchst noth- 
wendigen Eigenschaften: 1) der Arzt sei herablassend, nicht 
hochmüthig; 2) Verschwiegen; 8) diensteifrig und sorgsam, nicht 
pflichtvergessen; 4) befleissige sich aller aus der Moralphiloso- 
phie herzuleitenden Tugenden. — Gap. lY handelt von den 
wissenschaftlichen Reisen (de peregrinatlone) des Arztes, die er 
vor seiner definitiven Niederlassung unternehmen solle, und ent- 
hält Rathschläge über die einzelnen zu besuchenden Länder, 
Cap. V über die Promotion, mit der zu Hoff mann 's Zeiten 
der Mediciner seine academischen Studien beschloss. Hoffmann 
räth dringend, nicht so sehr mit dem Abgange von der Univer- 
sität zu eilen, wie das von Einzelnen geschehe („Circa promo- 
tionem suadeo, ut medicus non adeo maturet, uti plerumque fieri 
solet, set tamdiu vltam academicam colat, quamdiu vires per- 
mittunt et si fieri potest, ante aLnnm sextum academiam non 
deser at ; expertus loquor"). Damit schliesst Theil I. In Theil II, 
überschrieben de medici officio circa personas extemas, erfolgen 
zunächst in Cap. 1 16 Regeln über das Receptiren nebst mehr 



— 17 — 

oder weniger ausführlichen Commentaren ; 1) praescribat formulas 
eleganter; 2) existimatio medici dependet a medicamentorum 
praeparatione; 8) medicus non qnod opus sed quod necesse 
est praescribat (also nie zu viel, sondern nur das AUemoth 
wendigste); 4) qnae in pharmacopoliis prostant noscat me- 
dicus; 5) magis medicus debet scribere quam dicere; 6) re- 
formatio pharmacopoeorum et moderatio taxae summe necessaria 
est (plaidirt für die Beseitigung des überflüssigen Ballastes, spe- 
ciellder Dreckapotheke, des Theriaks und ähnlichen Zeugs); 7) ex 
praescriptis sibi sostrum ex pharmacopola quaerere odiosum et dam- 
nosum est (verdiente auch heute Beherzigung an gewissen Stellen) ; 
8) nimia familiaritas parit contemptum; 9) pharmacopolae pyxides 
(= „Büchse") saepius perlustrandae sunt*); 10) visi- 
tatio medicamentorum cnriosa fiat, imprimis chemicorum et sim- 
plicium; 11) medicus sit peritus taxae, praesertim ejus loci, ubi 
degit (Localtaxe); 12) snccedanea (minderwertige Ersatzmittel) 
absque medici consensu non sunt subjicienda a pharmacopoeo ; 
13) confectionibus offlcinalibus ipse intersit medicus et probe 
examinet ingredientia et eorum mixturam; 14) pharmacopoeo non 
est concedenda praxis, quia non intelligit quod pertinet ad genium 
practicum; 15) interrogare pharmacopoeum ratione morbi et 
praescribendorum turpe est; 16) pbarmacopoeus a medico ordi- 
nario examinandus prius est et ejus ministri. Dann folgt. Cap. II: 
de officio medici circa chirurgum ejusque operationes, mit 15 für 
uns heutzutage zum Theil veralteten Regeln, die für eine Zeit 
erforderlich waren, wo die Chirurgie von der Medicin getrennt 
war, und ihre praktische Ausübung in besonderen Händen lag. 
Da heisst es in Regula 1) operationes ordinarias et vulgares 
relinquat chirurgis; 2) medicus non increpet chirurgum ipsum 
sed modeste moneat coram aegrotante; 8) medicus nimiam fami- 
liaritatem cum chirurgo non ineat; 4) non patiatur medicus, ut 
chirurgus remedia interna aegrotis offerat; 5) semper optimo 
chirurgo utatur in civitate medicus; 6) medicus non concedat 
chirurgo sectionem cadaverum et inspectionem vulnerum ; 7) chi- 

^) Man sieht, dass einzelne dieser Regeln, besonders diejenigen, 
die sich anf Apothekenvisitation beziehen, heutzutage für den Arzt im 
Allgemeinen keinen Werth haben; der Vollständigkeit und zugleich des 
gescbichtUchen Werthes wegen habe ich sie mit aufgenommen. 

Psgel, Medicinlache Deontologle. 2 



— 18 — 

rnrgos debet examinari a medids et chirargis praesertim novi- 
tios; 8) medici est jadicare de aegri conditione an opus sit an 
vires aegri ferre possint operationes chirargicas; 9) temporis 
ratio habenda est in operationibos ; 10) sollicitns sit medicus de 
loco eligendo in operationibus chimrgicis; li) observet modum 
medicus, quo utitur chirurgus inter deligandum (v. g. fügt 
Hoff mann commentirend hinzu, in deligandis fracturis); 12) in 
repositione luzatorum membrorum avertat medicus, ne dolores 
absque necessitate exdtet chirurgus; 18) in cura herniornm ne 
castrentur viri impediat medicus; 14) medicus examinet chirur- 
gica, visitet emplastra, unguenta; endlich 15) chirurgus an sit 
habilis ad tales operationes et probe expertus videat medicus. 
Dieses Capitel und das folgende, wie sich der Arzt im Umgange 
mit den Hebammen zu verhalten hat, bilden einen trefflichen 
Beitrag zur Standesgeschichte. Letzteres, überschrieben: de 
officio medici circa obstetrices et earum munus enthält ö ausge- 
zeichnete Yorschiiften: l) obste trix ante omnia sit pia, casta, 
sobria, non temeraria, tacituma, honesta, perita, Eigenschaften; 
die auch jeden Arzt zieren sollten, vielfach aber vermisst werden, 
femer 2) in anatomicis examinanda est obstetrix; 3) in physio- 
logicis examinanda; 4) interroganda est obstetrix, quomodo suc- 
currere velit puerperis partu tam faciliori quam difficiliori labo- 
ranübns (sehr inhaltsreich und wichtig zur Beleuchtung des 
Zustandes der Geburtshilfe in jener Zeit; 5) obstetrix intelligat 
quid Uterus sit, quid procidentia vaginae et quid consüii ; 6) me- 
dicus non concedat, ut adhibeantur superstitiosa circa puerperas. 
— Höchst interessant, namentlich auch in forensischer Beziehung, 
ist das das ärztliche Attestwesen behandelnde Cap. lY (de of- 
ficio medici in exhibendis testimoniis). Hoffmann stellte 2 
Principalregeln auf: in porrigendis testimoniis ut ex certis in- 
dubitatis et sufficientibus signis claram demonstrationem exhibeat 
sedulo allaboret medicus; 2) in testimoniis ferendis ante omnia 
observandnm, ne medicus Judicium suum extra limites extendat, 
sed rationem decidendi relinquat jureconsultis, und nun kommen 
genauere Verhaltungsmassregeln bei Begutachtungen besonderer 
Afiectionen (testimonium de mania, circa contagium, circa affec- 
tum leprosum, circa luem Veneream, de obsessis et fascino, circa 
exhibitum venenum, de surditate, circa vulnerum lethalitatem, 



— 19 — 

circa philtra [Zaaber- and Liebestränke], circa impotentiam et 
fiterilitatem). 

Es folgt nanmehr der dritte und letzte Theil de pradentia 
medici drca aegros, also die eigentliche ärztliche Politik mit 
10 Capiteln. Cap. I de ofiScio medici circa visitationem aegrorom 
mit 17 Regeln, deren Inhalt sich dahm znsammenfiEissen lässt, 
dass der Arzt bis zur Erlangung einer sicheren Diagnose den 
Kranken öfter und jedenfalls überhaupt so oft besuchen solle, 
als es der Zustand und die Nothwendigkeit regelmässiger Be- 
obachtung erfordert, dass der Arzt femer genau controlliren 
soll, ob seine Anweisungen z. B. hinsichtlich des Gebrauchs der 
Arznei etc. auch in den minutiösesten Einzelheiten pünktlich 
befolgt werden, dass man sich nicht zu überflüssigen, des Arztes 
nicht würdigen mechanischen Dienstleistungen hergeben, vor 
Allem nicht selbst seina Thätigkeit anbieten solle, dagegen wenn 
diese angerufen werde, stets, ob Tag oder Nacht, hilfsbereit zur 
Verfügung sei und zwar sofort zur richtigen Zeit, wo Hilfe uöthig 
und angebracht ist. Ferner darf der Arzt kein Trinker sein, soll 
seine gravitätische, würdevolle Haltung darch einen angemessenen 
Grad von Leutseligkeit und Herablassung temperiren, am Kranken- 
bette weder stumm dasitzen, noch zu viel schwatzen und nament- 
lich weder Klatsch noch Benommage treiben, chronische Kranke 
seltener besuchen, in acuten und lebenbedrohenden, gefährlichen 
Zufällen hurtig (alacris) einzagreifen sich bemühen, Vorsicht 
gegenüber Tobsüchtigen und contagiOs Erkrankten gebrauchen, 
sich nicht parfümiren (mit Moschus, Ambra etc. nach Weiber- 
unsitte) etc. Cap. n enthält in 41 Regeln eine genaue Semiotik 
hauptsächlich auf Grund der Beschaffenheit des Pulses, des Urins, 
der Physiognomik des Kranken, seines Temperaments, der 
Lebensweise, u. a. auch die noch heute beherzigenswerthe Vor- 
schrift, nicht sofort nach dem Eintreffen beim Patienten auf 
dessen Puls los zu stürzen, und namentlich nicht im Winter, um 
den Patienten nicht zu erschrecken. 

Recht lehrreich sind die folgenden Capitel, die das Verhalten 
des Arztes verschiedenen Patienten gegenüber deutlicher specia- 
lisiren. Da heisst es in Cap. III, de medici prudentia respectu 
sni erga aegros, Regel 1: qui medici curae demandati sunt flde- 
liter tractentur — also gewissenhaft solle der Arzt sein. 2) docti 

2» 



— 20 — 

sunt docte tractandi, d. h. man dürfe einen gebildeten Patienten 
über den Grund dieser oder jener Verordnung specieller be- 
lehren, einem ungebildeten gegenüber solle man irgend welche 
allgemeine Redensarten gebrauchen, z. B. von verdorbenem Magen, 
verstopfter Leber, geschwollener Milz oder dergl. reden und ihn 
damit beschwichtigen. Bei direct Ungehorsamen ist die Behand- 
lung so schleunig als möglich aufzugeben, Eigensinnige sind zu 
überreden und unter Umständen durch Täuschung zum Gehorsam 
zu bringen. Ist der chronisch Kranke geneigt, von einem Arzt 
zum andern zu laufen, weil er nicht sofort Hilfe findet, so ist 
es gestattet, den Patienten auf das Thörichte seines Verfahrens 
aufmerksam zu machen. Ferner sollte sich der Arzt hüten, 
am Bette eines schwer Kranken in einen scherzhaften Ton zu 
verfallen („miserrrima res est medici, cui semper bene est quando 
aliis male"), vielmehr ist in solchen Fällen auch eigene herzliche 
Theilnahme des Arztes dem Kranken ungemein wohlthuend. 
Cap. IV, de officio medici circa specialiora objecta, specialissime 
circa prindpes et magnates aegrotantes, passt fQr die Hof- und 
Leibärzte resp. für die praxis maxime aurea, es enthält 11 Re- 
geln. Cap. V giebt Vorschriften, wie sich der Arzt kranken 
Damen gegenüber verhalten solle. Regel i : medicus debet esse 
castus; Regel 2: mulier omnem morbum bis patitur. 3: lapis 
lydius sanitatis feminarum sunt menses, und erläuternd fügt 
Hoff mann hinzu: es ist ein Hauptaxiom: dem Verhalten der 
Menses entspricht der Gesundheitszustand der Frau. 4) mulieres 
plurimae in nostro climate sunt hystericae und in diesem Stile 
geht es weiter bis zur 15. Regel, worunter am interessantesten 
ist, dass Discretion und Zartheit, besonders den weibUchen Ge- 
heimnissen gegenüber geboten ist. Cap. VI enthält Vorschriften 
für den Arzt bei Wöchnerinnen (7 Regeln), Cap. VII für die 
Kinderpraxis (14 Regeln). Cap. VIII regelt das Verhalten des 
Arztes bei Fat. in den vei*schiedenen fünf Lebensaltern (circa 
infantes, juvenes, adolescentes, vires und senes), Cap, IX für 
die acuten und chronischen Krankheiten specieller. Hier findet 
sich neben verschiedenen, nicht streng zum Thema, sondern 
mehr schon in ein Lehrbuch der Pathologie und Therapie ge- 
hörigen Dingen, noch in der letzten (17.) Vorschrift die Em- 
pfehlung, die ich besonderen Interesses halber ganz wörtlich an- 



— 21 — 

fähre: Medicus ad aegrotum vocatus altero jam praesente medico 
haec tria observef: 1) priori relinquat formularam praescriptio- 
nem nisi specialissime ab ipso desideretur; 2) nihil praescribat 
absque alterius consensu; 3) circa prognosim prios alterius Ju- 
dicium privatim percipiat, ut conveniant nee sibi invicem con- 
tradicant. Ich glaube, man l^ann nicht kürzer und dabei inniger 
für coUegialen Anstand plädiren, als es in diesen wenigen 
Worten zusammengefasst ist. Wir lernen daraus Hoff mann 
auch als musterhaft in collegialischer Beziehung kennen. End- 
lich zeigt uns das letzte Gap. X mit seinen, die Honorirung 
betreffenden 8 Regeln, dass Hoffm. auch in dieser Beziehung 
sehr vernünftige, keineswegs Prüderie oder Blödigkeit verrathende, 
andererseits aber von Mercantilismus und Inhumanität freie An- 
schauungen vertritt. Begel 1) accipe dum dolet post morbum 
medicus olet — die alte bekannte, die auch heute immer noch 
sehr zutrifft und wahrscheinlich zutreffend bleiben wird bis in 
alle Ewigkeit, so lange wir es eben mit dem genus homo zu 
thun haben. No. 2 lautet: ein Honorar sich vorher auszube- 
dingen, schickt sich nicht für den Arzt (das solle man dem Em- 
piriker, d.i. Kurpfuscher und Chirurgen überlassen). 3) Sostrum 
sive muneris sive debiti nomine si pfferatur promte medicus accipiat 
nee cum pudore nee cum tristitia (diese letzten 8 Worte — 
wie berechtigt sind sie in manchen Fällen! sie erinnern an das 
französische le plus tristd des metiers!) 4) In manchen Fällen 
ist es für den Arzt gewinnbringender, wenn er gratis behandelt 
der Empfehlung wegen, 6) non servile sit sostrum sed hono- 
rarium, 8) Prolongare curam majoris lucri causa, infame est. 
Ich bitte meine Leser um Entschuldigung, dass ich sie so ausser- 
ordentlich lange und eingehend mit Hoffm. aufgehalten. Einer- 
seits wollte ich damit ein Paradigma vorführen für die Art, wie 
unser Gegenstand in der älteren Zeit von einem autoritativen 
Kliniker aufgefasst worden ist, andererseits scheint mir gerade 
der Hoffm an n 'sehe medicus politicus eine Art von litterari- 
schem Markstein nach dieser Richtung hin zu bilden, obwohl 
manche Erörterung noch vermisst wird, z. B. eine ausführlichere 
Darlegung über ärztliche Consilien und das Verhalten dabei. 
Dieser Punkt hat seine monographische Erledigung erst viel 
später (1797) durch den auch in der Geschichte der Wissen- 



mmm 



— 22 — 

Schaft bekannten, z. Z. hochangesehenen Practiker (übrigens ge- 
tauften Juden) Johannes Stieglitz gelanden in der noch 
neuerdings (1878) von dem verstorbenen Lippspringer Badearzt 
Ludwig Bohden partiell wieder herausgegebenen Schrift: 
^Ueber das Znsammensein der Aerzte am Krankenbette und 
über ihre Verhältnisse unter sich überhaupt^ — Mitten zwischen 
Hoffmann und Stieglitz fällt das Erscheinen der ersten Auf- 
lage einer gleichfalls in der Litteratur der ärztlichen Politik 
berühmt gewordenen Schrift, ich meine die bekannte, fünf bändige, 
äusserst humorvoU abgefasste des Heidelberger Geburtshelfers 
Franz Anton May sub titulo: „Stolpertus, ein junger Arzt 
am Krankenbette"* (Mannheim 1777). Die Schrift hat mehrere 
Auflagen erlebt, ein Beweis für ihre Beliebtheit. Auch heute 
noch verdiente sie gelesen zu werden, besonders der erste und 
zweite Theil: der junge Arzt am Krankenbette, während die 
übrigen Abschnitte (der junge Brownianer am Krankenbette, der 
Polizeyarzt im Gerichtshof der med. Polizey - Gesetzgebung und 
der Geburtshelfer) kaum noch für uns „actuelles" Interesse be- 
sitzen. In manchen Punkten habe ich allerdings auf Grund 
frischer Durchsicht den Eindruck gewonnen, dass der Autor 
sich aus nicht unberechtigter Furcht vor scharfer Kritik mit 
dem Schleier der Anonymität bedeckt hat. — 1796 veröffent- 
lichte der bekannte Bostocker Professor und Leibarzt, von 
Heinr. Bohlfs zu den medicinischen Classikern gezählte Sa- 
muel Gottlieb Vogel im ersten Band von Hufeland's Jonmal 
„einige allgemeine Bemerkungen über das S^avoir faire in der 
med. Praxis.'* S. G. Vogel ist auch Verf. eines z. Z. aner- 
kannten Handbuchs der med. Hodegetik. Von diesem Classiker 
der Medicin führt uns eine begreifliche Ideenassociation (über 
Hufeland's berühmtes, kurz vor dessen Tode herausgegebenes 
und noch nach seinem Ableben bis 1857 in zehn Auflagen er- 
schienenes „Enchiridion medicum etc.'S sowie über Haeser's 
1860 zu Breslau am IS. October gehaltene vortrefilicbe Bede 
„Deber das Sittliche im Berufe des Arztes" hinweg) zu einem 
anderen, von Bohlfs sogar mit dem Ehrenprädicat des „Ein- 
zigen^ bezeichneten, nämlich dem Göttinger Sonderling Karl 
Friedr. Heinr. Marx und seinen in den 70er Jahren erschie- 
nenen Schriften. Wir nennen: „Gegen nicht zu billigende An- 



— 23 — 

gewöhnungen und Richtnngen der jetzigen Aerzte" (GOttingen 
1874); „Aerztlicher Catechismas. lieber die AnfordemDgen an 
die Aerzte** (Stattgart 1876); „Aussprüche eines Heilkundigen 
über Vergangenes, Gegenwärtiges nnd Künftiges" (Göttingen 
1876); „Bemerkungen über inneres und äusseres Leben als Winke 
zur Einsicht und Vorsicht. Nebst einem Gespräche über die 
SteUung der Aerzte in der Gegenwart und Zukunft'' (Ebda. s. a.). 
Von Schriften der späteren Zeit zur ärztlichen Ethik nnd Politik 
mögen in chronologischer Reihenfolge aufgefahrt werden: „Der 
ärztliche Beruf" von Dr. Bob. Volz (Virchow- v. Holtzen- 
dorff'sche Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher 
Vorträge V, 100, Berlin 1886); „Der Arzt und die Aufgaben 
des ärztlichen Berufes" von v. Ziemssen (in seinen Elin. Vor- 
trägen I, 1, Leipzig 1887); „Standesfragen". Betrachtungen 
eines Landarztes von Dr. Mory (Basel 1892); „Beflezionen 
eines alten Arztes" von Jac. Schütz (in Mitthl. der Ges. f. 
Physiokratie in Böhmen, Prag 1892). In der Sonntagsbeilage 
der Voss. Zeitung 1892, No. 40 veröffentlichte der Berliner 
Philosophie-Professor Friedr. Paulsen einen, in vielen Stücken 
bemerkenswerthen Aufsatz: „Der Beruf des Arztes", dessen. 
Leetüre dem angehenden Studiosus med. bezw. Practiker nicht 
warm genug empfohlen werden kann. 1893 publicirte Martin 
Mendelsohn seine lebhaft in der Presse discutirte schöne 
Schrift: „Aerztliche Kunst und Wissenschaft" (Wiesbaden). 
„Arzt und Patient" ist der Titel eines von H. Vierordt (Tü- 
bingen) in der „Deutschen Revue" veröfientlichten Vortrages, 
„Arzt und Publikum" der einer verständigen Befrachtung von 
Max Dessoir in der „Zukunft" (1894, III, No. 11). In zweiter 
Auflage erschien vor Kurzem eine prächtige kleine Schrift eines 
Wiener CoUegen Robert Gersuny: „Arzt und Patient Winke für 
Beide". (Verlag von Enke in Stuttgart). Eben da publicirte 
Coli. Jacob Wolff von hier seine umfangreichere Monographie: 
„Der practische Arzt und sein Beruf. Vademecum für angehende 
Practiker", for deren Werth die Thatsache spricht, dass sie 
bereits jetzt d. h. wenige Monate nach ihrem Erscheinen ver- 
griffen, und eine neue Auflage erforderlich geworden ist. Bei 
aller Anerkennung ihrer VorzQge habe ich an ihr, abgesehen von 
kleinen nebensächlichen Incorrectheiten, deren Erwähnung nicht 



- 24 — 

hierher gehört, neben dem Umstände, dass das Werkchen mehr 
für die Verhältnisse des Grossstadtpractikers berechnet ist, noch 
zu bemängehi, dass Verf. in viel zu grosser Offenherzigkeit hie 
und da unzweifelhaft manche Trivialitäten — der Coli, verzeihe 
mir diese Kflge — vorbringt und in seinem Drange, dem an- 
gehenden Berufsgenossen alle Greheimnisse bis auf das Tüpfelchen 
auf dem i sozuzagen auf das Präsentirbrett zu legen, fast gar- 
nichts mehr zwischen den ZeUen lesen lässt Demgegenüber 
möchte ich auf meine Bemerkung im Artikel I hinweisen, dass ge- 
wisse Dinge am besten öffentlich nicht erörtert werden. Trotz- 
dem kann die Leetüre dieser vortrefflichen Wol ff 'sehen Schrift, 
die ganz andere Zwecke verfolgt als meine Aufsätze zu leisten 
bestimmt sind, nicht dringend genng beim Eintritt in die Praxis 
empfohlen werden. — Im Uebrigen sei daran erinnert, dass alle 
unsere grossen Kliniker der Neuzeit, soweit sie namentlich mit 
dem propädeutisch-klinischen Unterricht betraut sind, nicht ver- 
fehlt haben, die jungen Mediciner auch auf die ethische Seite 
ihres Berufes hinzuweisen. Mir schwebt in dieser Beziehung 
als Muster besonders der unvergessliche Traube im Gedächt- 
niss, dessen ambulatorische Belehrungen eine Fülle von Bemer- 
kungen zur ärztlichen Ethik boten. Sein Schüler Leyden tritt 
auch nach dieser Richtung hin in die Fusstapfen seines grossen 
Lehrers, wie eine vor einigen Jahren in der Deutschen med. 
Wochenschr. erschienene Einleitungsvorlesung beim Beginn eines 
klinischen Semesters beweist.') Billroth's klassisches Werk 
„Ueber Lehren und Lernen der medicinischen Wissenschaften 
an den deutschen Universitäten" kann ich hier nur streifen, 
weil es die Unterrichts- resp. die Vor- und Ausbildungsfrage 
des künftigen Arztes betrifft, die nicht streng zu unserm Thema 
gehört. Eines der besten unter den modernen Büchern über 
unseren Gegenstand habe ich in dem „Praktiker" von Dr. Al- 



"*) Vrgl. besonders die klassische Ansprache bei Eröffnung der 
I. med. Klinik in Berlin am 2. Nov. 1885 (Deutsche Med. Wochenschr. 
1886 No. 45 p 775). Diese Rede von Leydens sowie zahlreiche 
andere, sowohl bei der Eröffnung der alljährlichen Wiesbadener Con- 
gresse, wie im hies. Verein fQr innere Medidn gehaltene zeichnen sich 
durch ihren reichen historischen Inhalt und eine Fttlle von Vor- 
schriften zur ärztlichen Hodegetik aus. 



— 25 — 

bert Beibmayr (Leipzig und Wien, 1893, Deuticke) kennen 
gelernt (von mir besprochen in der Deutsch. Med.-Ztg. 1893). 
Herrlich sind folgende 6 Thesen, welche y. Liebermeister, der 
Tübinger Kliniker, bei Gelegenheit seiner 25 jährigen Jubelfeier am 
4. Juli 1896 in einer Ansprache an die Festversammlung über die 
„Politik'' oder die Pflichten des Arztes zum Besten gegeben hat. 
Sie sind wohl werth, an dieser Stelle reprodncirt zu werden^): 

1. Der Arzt soll, wen er auch behandle, stets nur daran 
denken, was zum Wohl des Patienten geschehen kann und muss, 
und nicht auf die BoUe achten, die er dabei spiele, auch nicht 
darauf sehen, ob er für seine Bemöhungen Dank ernte. 

2. An jedem Krankenbett soll der Arzt 'auch den Schein 
vermeiden, als verstehe und vermöge er mehr, al^ im einzelnen 
Falle wahr ist, wenn es auch schwer sei, bei dem heutigen 
Wettbewerb, bei welchem der ärztliche Schwindler ein so 
leichtes Spiel habe, dem Sprichwort treu zu bleiben: „Ehrlich 
währt am längsten". 

3. Der Arzt möge sich stets vor Selbsttäuschung hüten 
und sich mit den strengen Zahlen, wie sie ihm die Waage, das 
Thermometer, die Statistik u. s. w. bieten, femer mit Mikroskop 
und Beagensglas selbst corrigiren. 

4. Der Arzt soU in jedem Falle individualisiren, nicht die 
Krankheit behandeln, sondern den einzelnen Krauken. 

Jede Heilung ist eine Naturheilung. Ohne die Unter- 
stützung der Natur kann der Arzt über keine Krankheit Meister 
werden. Bei einer Schnittwunde könne der Arzt wohl die 
Wundränder kunstgerecht aneinander passen, aber keine einzige 
von jenen Granulationszellen schaffen, welche die Kontinuitäts- 
trennung beseitigen. Wir Aerzte sind alle Naturärzte, nie die- 
jenigen, welche weder den Bau, noch die Functionen der einzelnen 
Organe kennen. 

5. Der Uediciner soll sich nicht auf die Arzneimittel ver- 
lassen. 

Denn wie das Messer nur in der Hand des geschickten 
Chirurgen Segen bringe, so sei es auch mit den Arzneien. Jeder 



8) Nach einer Notiz in dem Aerztl. Centralanzeiger vom 8. 8. 96. 



— 26 — 

; könne dieselben kennen lernen, allein die richtige Anwendung 

derselben sei schwer. 
I Letzteren Gesichtspunkt wolle er in die Worte fassen : Nee 

I medicamentis confidere, sed therapiae. 

6« Auf Dank soll der Arzt nie rechnen; denn es komme 
ihm mehr Dank besonders von denjenigen ein, ;bei welchen er 
auf keinen Dank gerechnet habe. 

Von Schriften und Aufsätzen, die gewisse Specialthemata 
I zum Gegenstände der Bearbeitung gemacht haben, nenne ich 

I Placzek's kleine Monographie „Bemfsgeheimniss des Arztes'^ 

! — Ueber ärztliche CoUegiaUtät schrieb Kreisphysikus Dr. Diet- 

1 rieh (Liebenwerda) in No. 2 des Aerztl. Central- Anzeigers 1895 

i einen lesenswerthen Aufsatz. Das Rechtverhältniss zwischen 

; einem Kranken und dem behandelnden Arzt erörterte Kühner 

(Frankfurt a. M.) in einer Reihe von Artikeln im Feuilleton der 
Allg. Med. Centralzeitung (1893). Ueber Gutachten, Eunstfehler, 
Verhalten gegenüber den Empfehlungen von neuen chemischen Heil- 
präparaten seitens der Fabrikanten etc. etc. existiren zahlreiche 
Essais, Codes of ethics, Standesordnungen etc. in den verschie- 
densten Zeitschriften des In- und Auslandes zerstreut^ und be- 
sonders neuerdings haben sich wieder die Federn lebhaft zur 
schriftlichen Erörterung dieser und ähnlicher Verhältnisse gerührt. 
Es ist unmöglich, alles Material im Einzelnen beizubringen. So 
gut es geht, soll in den folgenden Capiteln dem Leser ein Ex- 
tract daraus bereitet werden. Schliesslich verfehlen wir nicht, 
darauf hinzuweisen, dass es in ethischer Beziehung kein besseres 
Bildungsmittel giebt, als das Studium der medicinischen Ge- 
schichte bezw. die Lectüre ausführlicher biographischer und auto- 
biographischer Mittheilungen, wie z. B. Strohmeyer's Lebens- 
erinnerungen, Bohlf's med. Classiker u. v. A. 



IIL 

Die Uebergangszeit Yon dem Staatsexamen bis 
zur deflnitiyen Wahl eines Niederlassnngsortes. 

im Allgemeinen kann dem jnngen Arzte nicht dringend 
genug widerrathen werden, sofort nach erlangter Approbation 
sich definitiv an einem bestimmten Orte zu dauernder Ans- 
ttbnng der Praxis niederzulassen« Die Universitätserfahrungen 
und Anforderungen des Staatsexamens gewährleisten nur einer 
glflcklich situirten Minderheit Menschenkenntnisse, psycholo- 
gischen Tact, Umgangsformen etc. in demjenigen Grade, wie 
er zur erfolgreichen Praxis absolut erforderlich ist. Die Be- 
handlung von Kranken beschränkt sich nicht auf das rein 
Technische oder meinetwegen Geschäftliche, sondeiii dem Arzt 
liegt auch die Sorge dafür ob, dass seine Verordnungen wirk- 
lich befolgt werden. Es muss also eine Art von autoritativer 
Ei*aft ihm innewohnen, und dazu gehört, dass er zu seinem 
Clientenkreis in ein innigeres Yertrauensverhältniss, in einen 
„Seelenrapport" (s. v. v.) tritt, Lebensgewohnheiten, Tempe- 
rament, Character, Anschauungen der Bewohner, zu welchen er 
in ärztliche Beziehungen gelangt, kennen und diese Factoren 
in Rechnung ziehen lernt. Dies ist in besonderem Masse dann 
erforderlich, wenn der junge College zunächst innerhalb seines 
enger begrenzten Wirkungskreises seine Thätigkeit beginnt, nnd 
dies wird wohl ans finanziellen und anderen äusseren Grfinden 
bei den meisten zunächst der Fall sein, aber auch aus inneren 
Gründen, insofern man erst aus der Betrachtung kleinerer 
Verhältnisse allmählich zum Verständniss und zur Beherrschung 
grösserer gelangt. In einem der späteren Kapitel wird noch 
genauer von den Eigenschaften und Pfiichten des Arztes die 



— 28 — 

Bede sein müssen, bei deren Mangel Niemand, selbst mit noch 
so glänzendem Wissen nnd practischem Können, im Publicum 
den Ruf eines tüchtigen Heilkünstlers erlangen kann. Ruf und 
Ansehen, resp. ausgedehnte Praxis winken nur Dem, der das 
richtige ärztliche Savoir faire besitzt, und ohne dieses sind 
Missgrifie und Antipathien unvermeidlich. Vielen liegt es so 
zu sagen im Wesen, in der ganzen Persönlichkeit als angeborene 
Tugend, mancher erwirbt es allmählich durch die Schule der 
Praxis, wenn auch schwer, Einige nie, und besonders der junge 
Arzt achte bei Zeiten auf diese Dinge, um das Misstrauen, 
welches ihm gegenüber das Publicum in Bezug auf seine Reife 
und Erfahrung mit Recht noch hegt, möglichst bald zerstreuen 
zu können. Haftet dem Arzte einmal erst ein übler Buf an, 
gilt er als ungeschickt und unglücklich, so verfolgt ihn dieses 
Verdict bei den Verkehrsbedingungen der Neuzeit, bei der 
schnell cursirenden und fliegenden, aber nicht immer flüchtigen 
Fama überall, wohin er auch immer später seinen Wohnsitz 
verlegt; eine Behabilitirung ist mitunter schwer möglich. Darum 
kommt Alles darauf an, gleich im Anfang Vertrauen zu er- 
wecken und zu imponiren. Es empfiehlt sich daher meines 
Erachtens, dass jeder eben aus dem Staatsexamen entlassene 
College zunächst ein Ititerimistikum vorzieht, ein je nach den 
Verhältnissen längeres oder kürzeres Durchgangsstadium wählt, 
das ihm in einer nicht so unmittelbar verantwortungsvollen 
Stellung Gelegenheit giebt, so zu sagen die Feuertaufe zu 
empfangen. In einer solchen Stellung kann sich der College 
zunächst mit den Schwierigkeiten dem „Polymorphismus" des 
Berufes, seinen bunten Wechselfällen und Fährlichkeiten ver- 
traut machen, verschiedene rein geschäftliche Dinge, die nöthigen 
Formalien kennen lernen, wie beispielsweise Führung des Tage- 
buchs, Kranken-Journals, unentbehrliche mercantile und öcono- 
mische Angelegenheiten, die bibliothekarischen und instrumen- 
teilen Desiderate, die Erfordernisse an Zeitschriftenlitteratur, 
bestimmte gesetzliche Vorschriften etc. etc. Vor Allem 
ist er dabei nicht auf die Einnahmen aus einer unsicheren An- 
fängerpraxis zur Existenz angewiesen, sondern gewinnt sofort, 
auch nach der materiellen Seite, eine, wenn auch meist nicht 
glänzende, so doch für eine gewisse Zeit feste Position. In- 



— 29 — 

zwischen hat er die nöthige Müsse, die Grenzen seines Wissens 
nnd Könnens zn prüfen, aus Fehlern, die wir Alle im Anfang 
machen, sowohl im Verkehr mit den Patienten wie mit den 
Collegen za lernen und sie znm Schutz gegen empfindliche 
Nackenschläge in der eigenen späteren Praxis recht tief seinem 
Gedächtniss einzuprägen, Mängel und Lücken im Wissen zu 
ergänzen, an Seibstverirauen und Sicherheit des Auftretens zu 
gewinnen, ferner zu sondiren, welche Seite der Praxis ihm am 
besten zusagt, ob mehr die Land- oder Stadtpraxis seinen Nei- 
gungen und Kräften entspricht, ob ihm vielleicht gewisse Ver- 
hältnisse auf dem Lande eine unüberwindliche Abneigung gegen 
die Praxis daselbst einflössen, endlich auch eine günstige Vacanz 
für dauernde Niederlassung abzuwarten, etc. etc. — Wer nicht 
pecuniär so situirt ist, um sich nach dem Staatsexamen auf eine 
wissenschaftliche Tour zu begeben — für den künftigen Specia- 
listen ist dies allerdings absolut erforderlich — , der wird an- 
nähernden Ersatz dafür beispielsweise in einer Stellung als 
Schiffsarzt finden, die manche Vortheile bietet. Sie führt den 
jungen Collegen in einen fremden Welttheil, vermittelt die Be- 
kanntschaft mit Menschen aller Art, erweitert seinen Gesichts- 
kreis erheblich, lehrt ihn Toleranz und Humanität gegen alle 
Farben und Kacen, giebt ihm den für den Arzt unentbehrlichen 
kosmopolitischen Sinn, die Fähigkeit, sich schnell in veränderte 
Umgebung einzuleben, verleiht weltmännisches, sicheres Auf- 
treten, kurzum, sie verheisst ihm eine Menge von Erfahrungen, 
welche nicht nur gesellschaftlich, also indirect, sondern auch 
ganz unmittelbar und direct ihm für die Praxis zu Statten 
kommen. Dem, der nicht nach dem Auslande pilgern will und 
kann, stehen im ganzen deutschen Beiche — bekanntlich erstreckt 
sich auf dasselbe die mit der Approbation an einer deutschen 
Universität erlangte Licenz zur Praxis — noch viele Wege 
offen. Ein Blick auf die Vacanzenlisten in den verschiedenen 
Stellennachweis-Bureaus, an den schwarzen Brettern der Uni- 
versitäten, in Bekanntmachungen, wie sie die gelesenen medici- 
nischen Zeitschriften in ihrem Inseratentheil beherbergen, bietet 
reiche, mehr weniger passende Auswahl. Folgende Fingerzeige 
sind vielleicht von Nutzen: Zunächst empfehlen wir die Leetüre 
des in Hamburg (Gebrüder Lttdeking) erscheinenden „ Aerztiichen 



— 30 — 

Central-Anzeigers'S der eigens den äusserlichen ärztlichen An- 
gelegenheiten gewidmet ist nnd jedem deutschen Arzte gratis 
auf Verlangen zugänglich ist. Hier in Berlin existiren Stellen- 
vermittelungen durch das vom Central-Ausschuss der ärztlichen 
Standesvereine geleitete Bureau (zu erfragen beim Diener des 
Langenbeck-Hauses), vor allem im „Med. Waarenhause", dessen 
Besuch resp. Mitgliedschaft wir gerade dem eben in die Praxis 
eintretenden Collagen dringend ans Herz legen wollen. Er 
findet hier General-Auskunft über die ihn geschäftlich und 
wissenschaftlich interessirenden Angelegenheiten, es empfängt 
und umgiebt ihn hier eine Art von med. Mikrokosmus, in 
welchem er sich einen Ueberblick über alle sein Wohl und 
Wehe betreffenden Dinge verschaffen, seine Desiderate sofort in 
geeigneter Auswahl befriedigen und an welchem er auch femer- 
liin so zu sagen ein Mutterhaus besitzen kann. Was nun die 
weiteren Stellungen betrifft, die sich als Durchgangsstationen 
am nützlichsten erweisen, so kommt selbstverständlich in erster 
Linie die Assistenz bezw. das Volontariat an einem grösseren, 
von einer wissenschaftlichen Capacität geleiteten Krankenhause 
in Betracht. Für den künftigen Specialisten und acad. Lehrer 
unentbehrlich soll diese Stellung von demjenigen Arzt, der sich 
später der allgemeinen (nicht lediglich consultürenden) Privat- 
praxis auf dem Lande oder in Mittelstädten dauernd zu widmen 
gedenkt, nicht allzu lange festgehalten werden. Denn wie 
Eeibmayr ganz richtig bemerkt, der Privatarzt muss es erst 
lernen, sich von einer Reihe verschiedener übler Gewohnheiten 
zu emancipiren, zu denen gerade der Hospitalarzt im Verkehr 
mit den Patienten nur zu leicht gelangt und sogar gelangen 
muss. Das ist mitunter ein schweres Ding. Viel besser eignete 
sich zur Einführung in die Praxis für [den jüngeren CoUegen 
die frühere Sitte, wonach dieser unter Leitung resp. als Assistent 
eines älteren renommirten und viel beschäftigten Practikers eine 
Zeitlang thätig war. Da kommt man viel eher dazu, diesem 
seine „Geschäftsgeheimnisse^ abzulauschen. Suchten doch die 
Polikliniken, im eigentlichen und älteren Sinne des Worts ge- 
nommen; in früheren Zeiten diesen Zweck zu erfüllen, wo der 
Director resp. die Assistenten (in kleineren Universitätsstädten 
vielleicht auch jetzt noch) in Begleitung der Practikanten in der 



— 31 — 

Stadt resp. aui den Dörfern der ümgebnng die Visiten unmit- 
telbar am Krankenbette in den Wohnungen der Hilfesuchenden 
abstatteten. Da erhielt der angehende Practiker erst ein rich- 
tiges Bild von den Verhältnissen, die seiner in der künftigen 
Praxis harren. — Das sogen, ^^practische Jahr'S wie es neuerdings 
officiell gefordert wird, möchten wir lieber vor das Staats- 
examen als eigentliche Vorstufe zu diesem setzen. Am passend- 
sten halten wir für den Anfänger in der Praxis jedenfalls vor- 
übergehende Vertretungen von Collegen auf dem Lande resp. in 
kleinen Städten. Hier bieten sich alle die oben geschilderten 
Vortheile und Möglichkeiten in vollem Masse. Solche Vertre- 
tungen kann man ohne jedes Bedenken auf Grund der mit dem 
betreffenden Collegen vorher getroffenen schriftlichen Festsetzung 
resp. mündlichen Vereinbarung acceptiren. Anders steht es mit 
Angeboten von Aerztestellungen, welche direct von Gommunal- 
behörden, Apothekern oder sonstigen „einflussreichen" Privat- 
persönlichkeiten in öffentlichen Bekanntmachungen ausgehen. 
Diese sind nicht immer ohne Bedenken, erheischen jedenfalls 
vorsichtige Prüfung durch vorherige Information an unparteiischer 
Stelle. Uebereilte Annahme solcher Angebote ohne vorausge- 
gangene gründliche Erkundigung könnte später leicht Anlass 
zur Beue geben. Nicht allzu selten handelt es sich um Chica- 
nirungsversuche gegen am Orte bereits ansässige Aerzte, die an- 
geblich missliebig geworden sind; der gesuchte Arzt soll nun das 
willkommene Werkzeug zur Verdrängung resp. Schädigung der 
älteren Collegen bieten; die in Aussicht gestellten Einnahmen 
bleiben nicht selten aus, es entstehen, wenn man hinter die ins 
Werk gesetzte Intrigue konmit, unliebsame, oft recht unerquick- 
liche Kämpfe und Conflicte, bei denen der jüngere Arzt meist 
zwischen zwei Feuern sitzt, und die schliesslich damit endigen, dass 
man mit Verlust an Zeit und Geld, unter Umständen mit noch 
schlimmeren Einbussen, jedenfalls nur um eine traurige Erfah- 
rung reicher zum Wauderstab greifen und dem Orte den Rücken 
kehren muss. Man wird diesen Eventualitäten aus dem Wege 
gehen, wenn man, wie gesagt, vorher über die Verhältnisse 
in dem proponirten Wirkungskreise möglichst gründliche Aus- 
kunft zu erlangen sucht und entweder bei einem Collegen der za- 
gehörigen Kreisstadt oder bei den Medicinalbehörden, Königl. 



— 82 - 

Ereisphysikns (fftr Preussen) oder direct bei einem der bereits 
ortsansässigen CoUegen sich fiber Einwohnerzahl, materiellen 
nnd gesellschaftlichen Zustand, Bedärfhissfrage etc. etc., sorg- 
fältig informirt« Bei Vorhandensein von bona fides, eigenem 
Gefähl f&r coUegialen Anstand und für Honorigkeit, Liebe zu den 
Berufsgenossen, bei der Erwägung, dass malevolentes Verhalten 
unbedingt früher oder später seine Nemesis finden muss, wird 
man die richtigen Auswege einzuschlagen wissen und vor Ver- 
driesslichkeiten sich schützen. Der Arzt, der für seinen Beruf 
der Anspannung aller Kräfte, der physischen und seelischen 
bedarf, muss die Bedingungen zu derartigen, aus unfriedlichen 
Situationen entspringenden Gemüthsalterationen möglichst 
(gänzlich bleibt leider Keiner von ihnen verschont) von vorn- 
herein zu eliminiren suchen. 



IV. 

Allgemeines Yerhalten des Arztes 

in hygienischer, sittlicher, öeonomischer und 

gesellschaftlicher Beziehung. 

ist die definitive Habüitirong erfolgt, so regele der Arzt 
seine Lebensweise, sein Verhalten in allen Stöcken, wie es einem 
Manne geziemt, der eine dreifache Ehre zn vertreten hat, die 
individuelle Mannesehre, die Würde eines Vertreters der akade- 
misch gebildeten Stände und das speciflsch ärztliche Standes- 
bewusstsein. Das letztere zu präsentiren, ist seine besondere 
Pflicht; denn es giebt tur den Arzt vielleicht noch in viel höherem 
Masse, als für den OfBzier, eine ganz specielle Standesehre, trotz 
Eosenbach (Breslau) und vielen Anderen, die sie unbegreif- 
licher Weise nicht gelten lassen und einem laisser aller laisser 
faire das Wort reden woUen, wie es heutzutage nicht einmal 
mehr in den allermercantilst veranlagten Kreisen f&r erlaubt und 
schicklich gilt. Es wird auf diesen Punkt noch in einer späteren 
Erörterung ausfuhrlicher zurttckzukommen sein; für jetzt mag 
nur angedeutet werden, dass der Arzt auch ein Soldat ist in 
noch viel strengerem und verantwortnngsvoUerem Sinne als der 
Officier, der sein ceremonielles ßeglement von oben her in exclu- 
sivster Weise für gewisse Gelegenheiten festgeordnet erhält, 
während wii' Aerzte es aus uns selbst, ohne höheres Commando 
bestimmen als dasjenige, welches Pflicht und Gefühl ein für alle 
Male uns auferlegen. Auch nach einer anderen Bichtung hin 
liegt der Vergleich zwischen dem Beruf des Arztes und dem 
des Vaterlandsvertheidigers nahe. In dem Leben des Practikers, 
besonders des Landarztes, ist wie im Felde die Unregehnässig- 
keit die Begel. Sinkt die Morbiditätscurve, so geniesst er Buhe 

Pagol, Medidfldflclie Deontologie. 3 



— 34 — 

und Schonung. Wehe dem CoUegen, der sie anders benutzt, als 
indem er durch fleissiges Studium, durch häusliche Arbeiten am 
Mikroskop, resp. durch Ordnung und Instandhalten seines 
Instrumentariums sich auf die Eventualitäten der Praxis vor- 
bereitet, durch vernünftiges, naturgemässes Leben, geistige und 
physische Kräfte so zu sagen für seine practische Thätigkeit 
aufspeichert. Will man in Wahrheit nach dem bekannten Wahl- 
spruch des Nicolaus Tulp leben („Aliis inseiTiendo consumor"*), 
so trage man Sorge dafür, dass man etwas zu consumiren hat. 
Die Zeiten, wo der innere Mediciner mit goldbeknöpftem Stocke, 
in Cylinder und schwarzem Gehrocke am Krankenbette erschien, 
gravitätisch Puls, Zunge und Urin betrachtete, einige tröstende 
Worte sprach und sein Recept verschrieb, um dann zu ver- 
schwinden, sind längst dahin. Untersuchung und Behandlung 
erfordern heutzutage practisches, d. h. oft auch unmittelbar per- 
sönliches, körperliches Eingreifen des Arztes, der dazu immerhin 
über ein grösseres Maass von Frische und Energie verfligen, 
robust und agil, kurz ein Physicus — so hiess im Mittelalter 
der Mediker im Gegensatz zum Chirurgus — im eigentlichen 
Sinne des Worts sein muss, um nicht von den Anstrengungen 
schon bald consumirt, aufgerieben zu werden. Das „Aliis inser- 
viendo** fasse man bei Leibe nicht so auf, dass man darunter 
auch die gesellschaftliche Diatribe, das Skaten und Kneipen 
(s. V. V.) mit den Honoratioren des Orts wänrend der Musse- 
stunden versteht; leider ist diese Interpretation, die noch auf 
das Zoten- und Anekdotenerzählen erweitert wird, vielfach zu 
sehr flblich. Wer diese Dinge auch zu seinen Berufspflichten 
zählt, gelangt bald dazu, hierin womöglich die Hauptsache, jeden- 
falls die angenehmere Seite zu sehen und wird dadurch -- echt 
menschlich — leicht von seinen eigentlichen heilkünstlerischen 
Verpflichtungen distrahirt werden. Vestigia terrent! Einzelne 
thränenreiche Beispiele beweisen, dass manche Collegtn diesen 
Gefahren nicht rechtzeitig zu entrinnen verstanden haben. Han- 
delt es sich glücklicherweise auch beim ärztlichen Stande nur 
um eine kleine Minderheit solcher caduken Persönlichkeiten, so 
mögen doch gerade für sie diese Zeilen zur ausdrücklichen 
Warnung niedergeschrieben werden; wirken sie vielleicht nur 
bei Einigen vorbeugend, so ist das auch schon von Werth. So 



— 35 — 

trivial und offene Thären einrenBend es auch klingt, immer 
wieder muss mit besonderem Nachdruck betont werden, dass dem 
Arzt die heilige Pflicht obliegt, auch in hygienischer Beziehung 
durch peinliche strenge Selbstzucht und SelbstcontroUe, durch 
nfichternes und keusches Leben seiner Umgebung mit gutem 
Beispiel voranzugehen. Er kann nicht besser als auf diese 
Weise den zahlreichen, unvermeidlichen Strapazen und Unregel- 
mässigkeiten, welche namentlich auf dem Lande ffir den unver- 
heiratheten Collegen der Mangel eines geordneten Hausstandes 
mit sich bringt, ein compensatorisches Aequivalent bieten. Hy- 
gienisches Verhalten Anderen predigen und selbst darin simdigen, 
zieht überdies mit Recht den Fluch der Lächerlichkeit nach sich. 
— Dass wahre Sittlichkeit sich voll und ganz mit correctem 
Leben nach den Regeln der Gesundheitslehre deckt, dass der 
moderne Arzt nach dieser Richtung hin den eigentlichen 
Geistlichen besser repräsentiren kann, als der im meta- 
physisch-speculativen Wolkenkuckucksheim die Grunde fttr alles 
menschliche Missgeschick suchende Theologe, bedarf wohl fttr 
die Unterrichteten keines Beweises. — Vor Allem beschränke 
der Arzt seinen Aufenthalt im Gasthaase auf das zur Befrie- 
digung seiner Emährnngsbedürfnisse unbedingt erforderliche 
Maass. Glaubt er, durch fleissigen Verkehr in den Hotels und 
Kneipen seines Orts sich bekannt machen und Clienten werben 
zu müssen, so ist das, ganz abgesehen von dem durch und durch 
unwürdigen Verhalten, auch sonst eine Selbsttäuschung, weil 
nicht bloss ein ganz unnützer, sondern sogar direct schädlicher 
Modus procedendi. Der Arzt bedenke, was der alte Saliceto 
bereits mahnte: Nimia familiaritas contemptum parit; der Schaden, 
der hieraus entsteht, kann in keiner Weise wettgemacht werden. 
Orosse Reservirtheit im Verkehr, soweit ihn nicht die eigent- 
liche Berufsthätigkeit erforderlich macht, vornehmes, distinctes 
Auftreten, ein gewisser Grad von Exclusivität bei aller persön- 
lichen Freundlichkeit und Leutseligkeit, gemessenes Abwägen 
seiner Worte, besonders in der Unterhaltung mit Leuten aus den 
aqteren Volksschichten, überhaupt discretes Wesen, sind Eigen- 
schaften, die dem Arzte zur besonderen Empfehlung gereichen 
und ihn in der Achtung bei seiner Umgebung ungemein steigen 
zu lassen geeignet sind. Die wahre Popularität des Arztes liegt 

3* 



f 



— 36 — 

nicht in der plebejischen ßedseligkeit, im platten Schwatzen mit 
Jedermann aus dem Volke — wer sich „commun^ macht, gilt 
auch bald für commun —y sondern darin, dass er den Ruf eines 
stets gütigen, bereitwilligen und geschickten Helfers inKrankheits- 
nöthen, eines verschwiegenen Berathers, Vertrauten und Freundes 
der Familie geniesst. 

Grosse Vorsicht ist im ärztlichen Verhalten gegenüber dem 
„Ewig- Weiblichen" geboten. Nichts kann dem Rufe so sehr 
schaden, als Mangel an Zurückhaltung in diesem Punkt. Man 
obligire sich nie zu tief mit einer Weibsperson aus den unteren 
Volksschichten; man erweckt unter umständen Prätensionen, die, 
wenn sie unerfüllt bleiben, dem Arzte grimmigen Hass zuziehen, 
andernfalls Fesseln auferlegen, an denen er nicht selten sein 
ganzes Leben lang schwer zu tragen hat. Namentlich kann der 
unverheirathete Arzt nicht dringend genug davor gewarnt werden, 
schon um sich nicht dem Verdacht und übler Nachrede auszu- 
setzen, an jüngeren Personen weiblichen Geschlechts in Abwesen- 
heit von zuverlässigen älteren Begleiterinnen Untersuchungen 
vorzunehmen, gleichgültig, ob genital oder extragenital, besonders 
nicht in der Narcose. Es ist bekannt, dass junge Mädchen in 
halbreifem Alter, Backfische, nicht selten verlogen, heraus- 
fordernd, abenteuersüchtig und selbst ohne Narcose allerlei ero- 
tischen Phantasiegebilden zugänglich sind. In dieser Beziehung 
drohen dem unvorsichtigen Arzte die schlimmsten Gefahren. 
Mancher College ist an einem der §§ 174—177^) schuldig oder 
unschuldig gestrauchelt. Thatsächlich beweisen von Zeit zu Zeit 
Gerichtsverhandlungen, dass einzelne Aerzte in diesem Punkt 



1) Es kann unmöglich meine Absicht sein, in dieBen Aufsätzen^ 
die nur allgemein gehalten sein und sich nicht auf die Ärztlichen Ver- 
hältnisse in einzelnen Landestheilen specieller einlassen können, den 
vollen Wortlaut aller den Arzt angehenden Bestimmungen aus dem 
deutschen Reich sstrafgesetzbuch oder der Civilprozessordnung resp. die 
verschiedenen gesetzlichen Vorschriften, wie sie in den deutschen 
Bundesstaaten bestehen, zu bringen. Das würde den Rahmen dieser 
Arbeit weit Obersteigen und ist um so weniger nöthig, als jedem 
Mediciner die gesetzlichen Bestimmungen in zahlreichen ad hoc existi- 
renden Bammlungen von Guttstadt. Wernich u. A. zugänglich sind. 
Es genüge hier daher nur die Empfehlung eines intensiven Studiums 
der bezQglichon Litteratur. 



— 37 — 

leider zu leicht befanden worden sind. Wir besitzen zwar keine 
Amtsrobe und Amtsinsignien, wie der Theologe and Jurist — 
es sei denn, dass wir vielleicht die aseptische Tracht der Chi- 
rurgen und Geburtshelfer dazu rechnen wollen. Trotzdem wäre 
manchmal zu wünschen, dass dem Arzte, der ja am Ende auch 
Mensch und dem Menschliches nicht fremd ist, in verfänglichen 
Situationen plötzlich ein indischer Tugendgürtel mit den drei 
Quasten (vergl. Hirschberg' s Reise um die Erde) oder meinet- 
wegen die mosaischen Schaufäden vor Augen gezaubert würden, 
damit er im rechten Moment etwaiger schwacher Regungen Herr 
wurde und leidenschaftliche Aufwallungen niederdrückte. 

Baldmögliche Gründung eines eigenen Haus- und Familien- 
standes wäre ja (wenn auch nicht immer) das beste Präservativ 
gegen solche Versuchungen. Leider ist dieser Schritt nur einer 
glücklich situirten Minderheit von CoUegen schon bald nach dem 
Beginn der Praxis gestattet. Nach den trüben Erfahmngen, die 
besonders die Curatoren von ärztlichen Wittwen- und ünter- 
stützuugskassen, denen die Erledigung der bezüglichen Gesuche 
obliegt, zu oft zu machen Gelegenheit haben, kann vor über- 
eiltem und leichtfertigem Heirathen ohne Berücksichtigung des 
financiell-öconomischen Punktes nicht dringend genug gewarnt 
werden. Das hiesse den Teufel durch Beelzebub, der Teufel 
Obersten, austreiben. Vom Arzte muss gerade so gut, wie der 
Staat das beim Offizier thut, beim Heirathen eine Bürgschaft 
gegen Noth in Krankheitsfällen, resp. die sichere Versorgung 
etwaiger, bei seinem Tode hinterbleibenden Angehörigen verlangt 
werden. Ein schönes oder mit anderen Vorzügen ausgestattetes, 
aber armes Mädchen heimzuführen, ist für den lediglich auf den 
Erwerb aus der Praxis zur Subsistenz angewiesenen Collegen 
meistens ein Luxus, vor dem das Wort „Entsagung" mit flam- 
menden Lettern für ihn geschrieben steht. Nicht selten werden 
beide Theile dadurch unglücklich. Das Ideal des Arztes zeige 
sich nicht in der wolkenseglerischen Vernachlässigung der realen 
Verhältnisse zu Gunsten einer noch so edlen Leidenschaft, er 
tröste sich nicht mit dem Worte: aprfes nous le dringe, sondern 
stelle sich lieber etwas pessimistisch, wozu er gerade nach den 
Erfahrungen in seinem Berufe allen Grund hat, den ungünstigen 
Fall vor Augen und trage demgemäss, falls ein Heirathsgut der 



— 38 — 

Frau nicht existirt, durch rechtzeitigen Eintritt in Krankheits> 
Unfall-, Invalidität s- resp. Lebens Versicherungskassen für sielt 
und seine Angehörigen im Krankheits- resp. Todesfalle Sorge. 
Diese Sorge ist in neuester Zeit Dank einer grossen Zahl gut 
organisirter Lebens- und anderer Versicherungsgesellschafieu auch 
für den Arzt ungemein erleichtert worden. Hier in Berlin 
existirt seit einer Reihe von Jahren die grosse Centralhilfskasse 
für die deutschen Aerzte, die umsomehr gerade auch dem 
jüngeren Arzt zur Beachtung empfohlen werden kann, als die 
Aufnahmebedingungen ungemein einfach sind, überdies eine Er- 
weiterung zu einer Arztwittwen-Untersttttzungskasse in abseh- 
barer Zeit in Aussicht steht. — Während diese Zeilen nieder- 
geschrieben werden, sind behördlicherseits Reorganisationen im 
Werke, welche hoffentlich unserem Stande zum grossen Segen 
gereichen werden. Eine dieser Massregeln, die in Vor- 
bereitung begriffen sind, betrifft das Besteuerungsrecht der Aerzte- 
kammem. Gelingt die Durchführung desselben, so wird e» 
möglich sein, auch in Preussen zu annähernden Zuständen, wie 
wir sie in einigen süddeutschen Bundesstaaten, z. B. Bayern^ 
schon längst haben, zu gelangen, nämlich dass der Arzt zur 
Versorgung seiner Familie für Krankheits- und Todesfall gesetz- 
lich angehalten wird. (Auf die andere von der Regierung ge- 
plante Neuerung, die Einführung einer Disciplinarordnung für 
die Aerzte resp Schaffung einer Ehrengerichtsbarkeit, muss später 
eingegangen werden.) 

Was die äussere Einrichtung anbetrifft, so halte auch der 
junge, unverheirathete College auf eine gewisse Eleganz in dieser 
Beziehung. Etwas Comfort, ein gemüthliches Heim muss gerade 
dem Landarzt als Schutz gegen die Gefahren des Gasthauslebens 
und als Entschädigung für den häufigen ausserhäuslichen Auf- 
enthalt erwünscht sein. Ueberdies imponirt auch vornehme Ein- 
richtung dem hülfesuchenden Publikum. Wer sich pioletarier- 
mässig giebt, wird meist auch proletariermässig behandelt. Nur 
hüte man sich, durch Schaustellung von allerlei instrumenteilen 
Vorrichtungen, Operationstisch oder womöglich gar von Skeletten, 
Präparaten und sonstigen Naturalien etc. den nötbigen Ein- 
druck auf den Patienten hervorbringen zu wollen. Es wäre das 
lächerlich und abschreckend zugleich. Eine grössere Bücherei 



- 39 — 

ist allenfalls im Empfangszimmer statthaft und unbedenklich. Im 
üebiigen muss das Instrumentarinm, namentlich das bei acaten, 
gefahrdrohenden ZofäJlen erforderliche, dem Arzte, besonders 
dem Landarzte, aus begreiflichen Gründen vollständig und so 
zur Yerfftgung sein, dass es ohne lange Vorbereitung und Suche 
sofort wie durch Zauber unauffällig und fast unbemerkt vom 
Patienten zur Hand ist. Wer einen ärztlichen Nachlass übernimmt 
resp. als Nachfolger in eine ältere Praxis eintritt, hat selbstver- 
ständlich leichteres Spiel in Bezug auf die Organisation des In- 
strumentariums als ein College, der erst neue Einrichtungen 
schaffen muss. Bei dieser Gelegenheit will ich gleich einen wunden 
Punkt in den ärztlichen Verhältnissen berühren, dessen Beseiti- 
gung hoffentlich auch bald (nach Einführung einer officiellen 
Ehrengerichtsbarkeit) gelingt. Er betrifft die schmachvollen, von 
Zeit zu Zeit immer wieder in den Zeitungsinseraten auftauchen- 
den Verkaufsangebote von ärztlicher Praxis „gegen angemessene 
Geldentschädigung" (wie der t. t. heisst) meist sub forma einer 
Compensation fllr das Instrumentarium, Fuhrwerk etc. Man 
müsste einen ganzen Berg von Gemeinplätzen zusammentragen, 
um das Inhonorige und Thörichte solcher Usance darzulegen. 
Als ob sich das ärztliche Vertrauen verkaufen oder beliebig von 
einem Collegen auf den anderen übertragen liesse! Auch die 
„Fixa"*, um die es sich vielleicht dabei handelt, sind doch inmier 
nur an eine bestimmte Vertrauensperson gebunden. Wir unserer- 
seits wollen jungen, unerfahrenen Collegen hiermit nur dringend 
davon abrathen, auf derartige „Offerten", die für den Handels- 
stand vielleicht als kein anstösssiger Brauch gelten dürfen, hinein- 
zufallen. — Welche Instrumente im Einzelnen für den Arzt un- 
entbehrlich sind, kann hier selbstverständlich nicht erörtert 
werden ; nur diese Bemerkung sei gestattet, dass in der ärztlichen 
Landpraxis allmählich auch das Velociped sich immer mehr und 
mehr Bürgerrecht verschafft. Vom Honorar- und Rechnungswesen, 
ärztlicher Buchführung, von den dazu erforderlichen Requisiten, 
Kranken- Journalen, Tagebüchern wird in einem der folgenden 
Kapitel die Rede sein. — Statthaft ist nach erfolgter Niederlassung 
eine höchstens dreimalige öffentliche Bekanntmachung in den orts- 
üblichen Käseblättern, wie sie jetzt schon in mindestens einem 
Exemplar das kleinste Nest besitzt. Wo nicht, ist innerhalb ge- 



— 40 — 

messener Grenzen eine Yorstellnng in Gestalt persönlichen Be- 
suches resp. Eartenabgabe bei den Behörden und sogenannten 
Honoratioren erwünscht, üeber das Verhalten zu dem oder den 
sonst noch am Orte practicireuden CoUegen wird in einem der 
folgenden Capitel eine ausf&hrlichere Erörterung erforderlich 
werden. — Gesetzlich verpflichtet ist in Preussen jeder College, 
bald nach seiner ersten Niederlassung (resp. auch beim Wohnungs- 
wechsel) davon dem zuständigen Physicus unter Einreichung der 
Approbation Eenntniss zu geben. Wo es irgend möglich ist, 
empfehle ich persönliche Vorstellung oder Kartenabgabe, selbst 
wenn der Physicus nicht an demselben Orte wohnt. 



V. 

Arzt und Patient. 

J}| ur electiy und in einigen springenden Punkten kann dieses 
weitschichtige nnd wichtige Capitel hier bebandelt werden. Be- 
schränkung ist um so mehr geboten, als alle theoretischen Be- 
lehrungen unnütz sind, wenn nicht in der ganzen Persönlichkeit 
des Arztes selbst, gleichsam angeboren und intuitiv, die Bedin- 
gungen zum glöcklichen Heilkünstler liegen. Vorausgesetzt 
darf hierbei werden, dass auch der klinische Lehrer seines pro- 
pädeutischen Amtes genügend gewaltet und den Practicanten 
mit dem nöthigen diagnostischen, prognostischen und thera- 
peutischen Rüstzeug ausgestattet, dass er insbesondere betont 
hat, wie sehr dem Arzte die Pflicht obliegt, sein ganzes Wissen 
und Können in den Dienst des sich ihm anvertrauenden Kranken 
zu stellen, für Alles was diesen angeht, ein Auge zu haben, 
Aufmerksamkeit und Pflichteifer namentlich in schweren acuten 
Krankheiten zu entwickeln, wenn es gilt dem Tod selbst noch 
im letzten Moment sein Opfer zu entreissen, und wo das nicht 
mehr möglich ist, für Euthanasie zu sorgen, theilnehmend, tröstend, 
nach Kräften erleichternd, auch wo ärztliche Kunst machtlos 
erscheint, einzugreifen, mit der heitersten und sichersten Miene 
der Welt dem Patienten die Genesung zu garantiren, und zwar 
unter allen Umständen, vorausgesetzt, dass er die Verordnungen 
streng befolgt; den Angehörigen, soweit als möglich, die Natur 
nnd den voraussichtiichen Ausgang der Affection nicht zu ver- 
hehlen, aber nicht in brutaler Offenherzigkeit mit einer Prognosis 
pessima. iervorzuplatzea, sondern schonungsvoll — sub rosa — 
in hypothetischer, diplomatisch-dubiöser Wendung die erforder- 
lichen Mittheilnngen zu machen etc. etc. Im Einzelnen sei hier 
noch Folgendes hervorgehoben: Dem Kranken gegenüber ist der 



— 42 — 

Arzt seines Vertrauens ein Souverän oder wisse sich die Stellung 
eines solchen zu geben, jedoch so, dass weder Kranke noch 
Angehörige und Pflegepersonal das fühlen. Auch da, wo viel- 
leicht kein Grund vorliegt, fingire man das grösste Selbst- 
vertrauen zu seiner Kunst, verrathe vor allen Dingen kein 
Schwanken über die Diagnose (resp. die vorgeschätzte Pseudo- 
diagnose) und einzuschlagende Therapie, lasse durchblicken, 
dass man, wenn nicht unerwartetes eintritt, die Macht haben 
werde, die Krankheit in absehbarer Zeit zu beseitigen, suche 
das Vertrauen zu befestigen, aber bei aller unnachsichtigen Strenge 
in Bezug auf die Durchführung der Therapie und Pflege, die 
man bis in's kleinste Detail selbst controllire, zeige man 
vor Allem eine gewisse Sanftmuth, Gelassenheit, GeduM, kurz 
ein Temperament, wie es von Jesus von Nazareth oder von 
Rabbi Hillel berichtet wird. Für manchen Arzt wäre es viel- 
leicht eine recht gute Schule, wenn er selbst einmal an einer 
lebensgefährlichen und schmerzhaften Krankheit laborirt hätte, 
um zu wissen, wie der Leidende allemal auch als ein psychisch 
unzurechnungsfähiges Individuum anzusehen ist. Es giebt wenig 
Stoiker, mit Märtyrematur ausgestattete Individuen, die Schmerzen 
fassungsvoll ertragen und furchtlos dem Tode in's Auge schauen. 
Noch ängstlicher sind begreiflicherweise die Angehörigen, die 
mitunter bei Krankheiten von lieben Familiengliedern ihren 
Kopf gänzlich verloren zu haben scheinen. Man kann in dieser 
Beziehung das Genus homo als Arzt nicht pessimistisch genug 
beurtheilen, aber soll nicht verurtheilen, sondern mit göttlicher 
Nachsicht Schwächen, etwaige Undankbarkeit der Kranken etc. 
rechtfertigen und verzeihen, soll übertrieb^^ne Aengstlichkeit be- 
seitigen, Muth und Hoffnung beleben, psychische und somatische 
Schmerzen lindern, den ärztlichen Beistand mit einem Wort 
nicht wie ein ad hoc technisch geschulter Miethling, d h. mit 
kalter, phlegmatischer Gleichgiltigkeit leisten, sondern bei aller 
innerer Ruhe und Sicherheit verraihe man wenigstens äusserlich 
noch herzliche, freundschaftliche, innige Theilnahme, so dass 
Kranke und Angehörige den Eindruck gewinnen, dass der Arzt 
seine Schuldigkeit in vollem Masse ohne andere Kücksichten 
thun werde, als diejenigen, welche ihm Liebe zum Berufe, zu 
seiner Kunst dictiren. So sehr nach dieser Bichtung hin der 



— 43 — 

Arzt über einen ganzen Schatz von oratorischer Snggestions- 
läbigkeit verfägen mnss, so soll er andererseits, ^ie das 
eigentlich gar nicht erst hervorgehoben zn werden brauchte, 
über alle Vorgänge im Krankenzimmer selbst die peinlichste 
Verschwiegenheit beobachten und um Gotteswillen sich nicht 
zum Träger von allerlei Medisance machen. Bekanntlich be- 
steht auch ein ausdrückliches strafrechtliches Verbot (§ 300) in 
dieser Beziehung. Dies Berufsgeheimniss ist zugleich eines der 
schönsten Privilegien, das auch das Recht involvirt, selbst vor 
Gericht ohne Erlaubnis» des Clienten das Zeugniss über die in 
der Eigenschaft als Arzt gemachten Wahrnehmungen zu ver- 
weigern. Discretion über die Erlebnisse in der Praxis kann 
namentlich dem enthusiastischen und meist noch harmlos die 
Welt betrachtenden Anfänger nicht diingend genug empfohlen 
werden, und zwar Discretion gegen Jedermann ohne Ausnahme. 
Man erzähle aus der Praxis von Niemandem und zu Niemandem. 
Der gebildete und weltkluge Arzt braucht darum doch über 
Unterhaltungsstoff nicht verlegen zu sein und nicht als ver- 
schlossen zu gelten. Es schliesst diese Vorschiift übrigens nicht 
aus, dass man wissenschaftlich interessante Casuistik in Collegen- 
kreisen vertraulich ohne Nennung von Namen rein sachlich 
mittheilt, aber man sei hierbei, wie auch bei der Journalpubli- 
cation solcher Fälle, jedenfalls vorsiclitig. Es entstehen mit- 
unter aus zu weit gehender ärztlicher Indiscretion Verlegen- 
heiten, auf deren Schilderung im Rahmen dieser Arbeit nicht 
eingegangen werden kann. Nur um ein drastisches Beispiel 
hervorzuheben, sei an die Unannehmlichkeiten erinnert, welche 
für die betheiligten Personen entstehen, wenn in der Ehe 
acquirirte Lues des einen Gatten dem anderen, oder selbst vom 
Vater herrührende Lues congenita eines Kindes der Mutter 
verrathen wird. Hier muss der Arzt gewandt und geistes- 
gegenwärtig mit irgend einer nichtssagenden, täuschenden Rede- 
wendung unter dem Versprechen der Heilung über den „harm- 
losen Hautausschlag", oder wie er sich sonst ausdrückt, hinweg- 
zugehen, dabei aber natürlich seines Vertrauensamtes auch als 
Prophylactiker so zu walten verstehen, dass weiterer Schaden 
verhütet wird. — Es handelt sich da mitunter um so verwickelte 
und verzwickte Situationen, dass der Tact und die Gewandtheit 



— 44 — 

des Arztes auf eine recht schwere Probe gestellt werden. Der 
jüngere, in diesen Dingen noch nicht erfahrene Arzt schreibe 
sich als Devise vor : Mundhalten ; der ältere hat allmählich gelernt, 
wie man sich geschickt aus solchen Affairen, aus dem Conflict 
zwischen zwei Pflichten zu ziehen hat, ohne eigene und fremde 
Interessen materieller und sonstiger Natur zu beeinträchtigen. 
Immerhin bildet diese Discretionspflicht einen heiklen und 
difficüen Punkt. Auch bei nicht geheimen Krankheiten, nament- 
lich wenn die (oft nur Antheilnabme erheuchelnden) Bekannten 
und sogenannten Freunde, die lieben Nachbarn den Arzt mit 
Fragen nach dem Befinden des Pat. bestttrmen, sei man in 
der Antwort merklich zurückhaltend und fasse sich sowohl über 
die natura morbi, wie die Prognose mehr in muthmasslichen und 
allgemeinen Wendungen. Man kann nie wissen, ob man nicht 
durch MittheUung des wahren Sachverhalts die Interessen des 
Kranken oder von dessen Angehörigen verletzt resp. auch sich 
selbst schadet. Alle diese Dinge, diese (leider etwas an 
macchiavellistische Kunststücke erinnernden und anklingenden) 
Imponderabilien, die streng genommen, nicht zur Technik des 
Heilens gehören, beachte trotzdem der Arzt sehr genau, 
ebenso sein Auftreten, seine Kleidung, Sprache, überhaupt die 
äusseren Formen; auch in der ärmsten Hütte wird man damit 
den wohlthuenden Eindruck nicht verfehlen und sich resp. dem 
Kranken mehr nützen, als ohne diese Begleitfactoren mit aller 
Gelehrsamkeit und manuellen Geschicklichkeit. 

Es steckt ein richtiger Kern in dem scherzhaft gemeinten 
Bath, man solle sich nach dem beschäftigtsten Arzte an einem 
Orte erkundigen, wenn man den schlechtesten, will sagen den 
am wenigsten gelehrten, erfahren will. Selbstverständlich! Ein 
Practiker, der vor lauter Gelehrsamkeit zu viel bedenkt und im 
Gefühl der Grenzen des Könnens und zeitweiliger Ohnmacht 
zweifelsüchtig schwankt, der mit den strengen, pedantischen 
Manieren eines Schulmeisters, dem Verwaltungston eines Re- 
gierungsbeamten, der Exclusivität und Verdammungssucht eines 
Staatsanwalts auf alle die hundert Schwächen, Unarten und 
Rücksichtslosigkeiten des unglücklichen Patienten reagirt, dürfte 
wohl wenig Glück am Krankenbette haben. Ich habe oben 
bereits bemerkt, man thut gut, den Kranken mehr unter dem 



— 45 — 

Gesichtspunkte eines auch psychisch alterirten, oft rückfälligen 
Sünders gegen die Hygiene zu betrachten, man wird dann selbst 
die stärksten Geduldsproben siegreich bestehen. Eigenschaften 
allerdings, die im gewöhnlichen Leben als Tugenden gelten, 
Gradheit und Schlichtheit des Wesens, Natürlichkeit, Einfach- 
heit, Offenherzigkeit — am Krankenbette verwandeln sich diese 
Dinge geradezu in Laster. Damit soll keineswegs Schauspielerei 
und Heuchelei empfohlen, sondern nur die Pflicht des Arztes 
betont werden, am Krankenbette aus Gründen der Humanität 
bewusst und direct intendirend eine gewisse Selbstüberwindung 
zu üben, alles Prononcirte im Wesen zu unterdrücken, wenn es 
unseren Schutzbefohlenen unbehaglich werden kann, deren Wohl 
ja unsere suprema lex ist. Im Uebrigen denke man an das 
Asclepiadische „tuto, cito et jucunde", vergesse aber nicht, dass 
menschliches Wissen und Arbeiten Stückwerk ist, dass Miss- 
eriolge auch den erfahrensten und tüchtigsten Aerzten nicht 
ausbleiben, und wo man sich vielleicht einen Lapsus diagnoseos 
oder gar einen Kunstfehler vorzuwerfen haben sollte, trage man 
auch dieses in der ärztlichen Thätigkeit unvermeidliche Geschick 
mit Würde und stummer Resignation. Hierbei ist Discretion 
erst recht Ehrensache, ungeschicktes und täppisches Gebahren 
könnte unter umständen bei solchen vermeintlichen oder wirk- 
lichen Kunsttehlem das Eingreifen des Staatsanwalts herbei- 
führen. Ich muss darauf verzichten, durch wirklich erlebte Fälle 
zu illustriren, wie man sich bei den angedeuteten Eventualitäten 
nicht verhalten soll. Ein Theil dieser Materie fällt in das Ge- 
biet der CoUegialität ; es zeigt sich gerade hierbei der Segen 
echter und ehrlicher CoUegialität in besonders günstigem Lichte; 
doch darüber etwas im nächsten Capitell Einstweilen Sapienti 
sat! In der Agone des Pat. enthalte man sich jedes curativen 
Eingrifis, ebenso wenn der Fall absolut hoffnungslos ist. — 
Bei störrischen, eigensinnigen oder ängstlichen Kindern suche 
man seinen Zweck nie durch Drohungen oder sonst rigoroses 
Auftreten zu erreichen und lasse sich vor Allem um Gottes- 
willen nie zu einer körperlichen Züchtigung, einem Backenstreich 
u. dgl., selbst in noch so milder Form, hinreissen. Hier soll 
man lieber (und das kann Collegen, die eine grössere Anzahl 
von Patienten abzufertigen haben z. B. Assistenten einer Poli- 



— 46 — 

klinik, Armenärzten etc. nicht dringend genug gepredigt werden) 
nach dem Grundsatz handeln: beneficia non obtruduntnr. Wer dem 
Arzt sich nicht fügt, mit dem braucht man sich eben nicht weiter zu 
befassen. Es ist vorgekommen, dass empfindliche Mütter, wenn 
ihr Eind vom Arzte barsch angefahren oder vielleicht gar mit 
einem Klaps bedacht worden ist, sofort mit Beleidigungsklagen 
und ähnlichem gedroht haben. Von Seiten allzu ängstlicher 
Dirigenten, die eine Erörterung solcher Vorfälle vor Gericht 
oder in der Presse fürchteten, konnten die betreffenden CoUegen 
nicht immer genügend vor unangenehmen Weiterungen in Schutz 
genommen werden. Sind grössere chirurgische, namentlich ver- 
stümmelnde Operationen erforderlich, so ist vorher die Ein- 
willigung des Fat. resp. der befugten Angehörigen zu erwirken; 
die Narkose nehme man prindpaliter nie ohne Hilfe eines Collegen, 
eventualiter auch eines verständigen approbirten Heildieners 
oder einer Hebanmie vor. Kleinere chirurgische Eingriffe, wo 
die Narcose und grössere Vorbereitungen hinsichtlich der Asepsis 
entbehrlich sind, erledige man möglichst ohne Zögern und ohne 
Patienten lange in der Furcht zu erhalten ; lebensrettende Maass- 
regeln dulden selbstverständlich keinen Aufschub. Im üebrigen 
hat der Arzt auch hierbei streng zu individuaUsiren, und zu be- 
rücksichtigen, dass mitunter robuste und stämmige Kerle im 
Ertragen körperlicher Schmerzen äusserst feige sind, schon bei 
der blossen Ankündigung in Ohnmacht fallen (z. B. Soldaten 
bei resp. vor der Impfung), während die zartesten Damen be- 
wundemswerthen Muth und Entschlossenheit dem Arzte ihres 
Vertrauens entgegenbringen oder doch affectiren. Wo es möglich 
ist, thut man nicht selten gut, den Patienten mit dem kleinen 
Eingriff, z. B. der Eröffnung eines Drüsenabcesses, dem Kreuz- 
schnitte bei einem unbedeutenden Bückencarbunkel etc. zu über- 
rumpeln; man lenkt unter irgend einem Vorwand die Aufmerk- 
samkeit ab, thut so, als ob man nochmals gründlicher untersuchen 
müsse, oder verhält sich event. ganz schweigend, und sucht den 
Patienten durch schnelles Operiren zu überlisten. Ehe er zur 
Besinnung kommt, ist die Heilung bereits angebahnt^). 



Dank der »lofiltrationBanftstheaie" unseres hiesigen trefflichen 
Collegen Schleich, die grosse Kliniker Anfangs todtzuschweigen ver- 
sucht haben, sind wir jetzt in der angenehmen Lage, auch in der Sprech- 



— 47 — 

Nooli ein Punkt bedarf hier für den jungen Practiker der 
Erörterung. Seit Emanation der Gewerbe- Ordnung für das 
deutsche Reich hat sich die Stellung des Arztes in socialer 
sowohl wie in beruflicher Hinsicht nicht unwesentlich gegen früher 
verschoben. Während früher der Arzt jedem Rufe, soweit nicht 
eigene Krankheit oder sonstige nachweisbar triftige Gründe 
hinderten, Folge leisten musste und unter umständen wegen 
unterlassener Hilfeleistung strafrechtlich belangt werden konnte, 
ist dieser alte berüchtigte Zwangsparagraph (§ 200) jetzt be- 
seitigt und dem Arzte freigestellt, seine Hilfeleistung ohne Um- 
schweife und Motivirung zu verweigern. Thatsächlich wird von 
diesem Privilegium, namentlich in grossen Städten, seitens der 
bei Tage stark beanspruchten Collegen oft Gebrauch gemacht 
und muss auch Gebrauch gemacht werden; denn charity begins 
at home, und es soll keinem älteren und abgearbeiteten Arzt — 
schon im Interesse des Pat. und anderer auf Gelegenheit zur 
practischen Thätigkeit wartender Collegen — zugemuthet werden, 
auch noch z. 6. bei Nacht sich Berufsanstrengungen auszusetzen. 
Man kann und soll seinen Nächsten wie, aber keineswegs mehr 
als sich selbst lieben. Eine solche Selbstaufopferung wäre 
zwecklos. Dagegen möchten wir dem jungen, mit frischem En- 
thusiasmus und dem Vollbesitz physischer Kräfte ausgerüsteten 
Anfänger in der Praxis dieses elective Verfahren dringend wider- 
rathen. Ganz abgesehen von dem Passus in dem bekannten 
Doctoreide sive sit dives sive inops etc., wird es auch gerade 
die Rücksicht auf materielles Fortkommen erheischen, ohne Be- 
denken Jedem die erbetene Hilfe zu leisten. Der junge Arzt 
braucht zunächst Erfahrung und Uebung, und diese gewährt ihm 
auch die Thätigkeit in der Dachstuben- und Kellerpraxis resp. 
in der ärmeren Landbevölkerung. Da darf er nicht erst fragen : 



Stande Operationen an Patienten zu vollziehen, die wir früher wegen 
Mangels an Assistenz behufs C^ HCI3 = Narl^ose zurückweisen mussten. 
— Es sei bei dieser Gelegenheit die selbstverständliche Mahnung hier 
angeschlossen, dass jeder College die heilige Pflicht bat, sich im Interesse 
seines Clientenkreises stets über alle brauchbaren technischen Neuerungen 
auf dem Lauf enden zu erh Eilten, wenn er nicht riskiren will, seitens seines, 
in dieser Beziehung stets sehr feinfühligen Publikums allmählich durch 
einen gewandteren Collegen aus dem Sattel gehoben zu wejrden. 



§ 

1 



— 48 — 

was bringt der Fall in klingender Münze ein? Wer dem äi^t- 
lichen Berufe lediglich ans commerciellen Gründen obliegt, der 
hätte besser gethan, sich dem Handel und der Industrie zuzu- 
wenden. Der Arzt muss auch von vornherein materiell so unab- 
hängig dastehen, dass er niemals in den Verdacht kommen kann, 
anders als aus wahrer Liebe zur Kunst und nicht wegen des 
in Aussicht stehenden Honorars zu practiciren. Auch vom 
Assessor z. B. verlangt der Staat erst noch eine Zeit lang un- 
besoldete Thätigkeit. Beim Arzt besteht eben eine der vielen 
Miseren darin, dass er fast überall trüben Gesichtern begegnet, 
nicht selten mit dem tiefsten Elend Bekanntschaft macht und 
seine Thätigkeit nicht nur sehr viel gratis leistet, sondern oft 
noch in die eigene Tasche greift, um die angeordnete Therapie, 
Diät etc. durchführen zu helfen. Wenn irgendwo, so gilt aber 
hier das biblische Wort: Wirf dein Brot übers Meer etc. Un- 
eigennützige, aufopfernde Hilfe, Wohlthaten, im Stillen an den 
Armen verübt, tragen dem Arzt reiche Früchte. Gerade in 
Hinsicht hierauf geniessen wir überdies das Privilegium der 
Gewerbesteuerbefreiung und das Becht, öffentliche Ehrenämter 
(communaler oder sonstiger Natur, wie Theilnahme am Schöffen-, 
Geschworenengericht etc.) abzulehnen. — Mit der Forderung 
der Uneigennützigkeit soll nicht etwa absolute Blödigkeit im 
Liquidiren angerathen oder gar die Honorirung als etwas Be- 
schämendes bezeichnet werden. Im Gegen theil! Wo es sich um 
zahlungsfähige Clienten handelt, mache der Arzt von dem be- 
rechtigten Verlangen nach angemessener Gegenleistung den vollen 
Gebrauch, dem Eeichen gegenüber sogar mit einem gewissen 
Nachdruck, um dafür andererseits seine Kraft auch den ärmeren, 
leidenden Mitmenschen zu Gute kommen lassen zu können. — Die 
guten, alten Zeiten, wo man am Schluss des Jahres auf spontane 
und discrete Gratification rechnen durfte, sind längst vorbei. 
Der Arzt hat aufgehört, wie das früher meistens der Fall war, 
der treue Hausfreund, der hygienische Berather, der Vertraute 
der Familie zu sein, der mit dieser verwachsen, auch bei allen 
wichtigeren Angelegenheiten derselben in's Vertrauen gezogen 
zu werden pflegte. Mit Ausnahme von wenigen gebildeten 
Familien der oberen Zehntausend ist dieses schöne Verhältniss 
jetzt so gut wie ausgestorben. Meist ist er heut zu Tage nur 



— 49 — 

der in Erankheitsfällen begehrte Artikel; nach Erledigung seiner 
Mission existirt er anch für die Familie nicht weiter als bis 
etwa ein nener Krankheitsfall seine Hilfe wflnschenswerth macht, 
oder er mnss anch mitunter aus ganz frivolem äusseren Grunde, 
lediglich weil die yariatio delectat, einem Nachfolger den Platz 
einräumen, unzweifelhaft ist die lockere Verbindung, wie sie 
jetzt namentlich in grossen Städten [zwischen Arzt und Patient 
herrscht, hauptsächlich eine Folge der vorgeschrittenen Bildung 
des Publikums, das dank den populär- medicinischen Schriften 
ein hygienischer Autodidakt geworden ist und daher nach dieser 
Richtung hin der ärztlichen Thätigkeit entrathen zu können 
glaubt ; überdies hat unser ganzer Beruf einen mehr technischen 
Zuschnitt bekommen; die Hilfsmittel der Untersuchung und 
Therapie sind gegenftber dem früheren Zustande erheblich 
erweitert und zuverlässiger, exacter geworden, daher denn 
auch diese Seite beim Arzt mit Becht in den Vordergrund 
tritt. Es stände aber traurig um unsere Kunst, wenn sie die 
übrigen EQlfsmitfel entbehrte, welche in dem psychischen Ver- 
trauen des dienten sowie in den oben geschilderten Impondera- 
bilien liegen. Sie gerade leisten in denjenigen besonders malignen 
Krankheiten, wo die eigentliche Technik ohnmächtig ist, sehr 
viel mehr. Sie stellen ein innigeres Band zwischen Arzt und 
Patient her, als es selbst das splendideste Honorar vermag und 
paralysiren aUe Mühseligkeiten der Praxis in einer Weise, dass 
die Berufsfreudigkeit verstärkt und damit auch eine grössere 
Energie in der eigentlichen Hilfeleistung hergestellt wird, die 
dann ihrerseits dem CUentenkreise des betreffenden Arztes zu 
Gute kommt. 



Pftgel, Medleinisctae Deontologle. 



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VI. 

GoUegiaUtät 

Mit dem Worte „Collegialität" bezeichne ich absichtlich 
denjenigen fflichtenkreis, in welchem sich die Aerzte im Verkehr 
mit einander bewegen sollen, obwohl dieser Begriff, streng ge- 
nonuuen, bereits einen ganz bestimmten, frenndschafOichen, jeden- 
falls viel höheren Standpunkt als den eines gewöhnlichen 
Modus vivendi involvirt. So lange freilich die Aerzte Menschen 
sind, deren Verhältnisse nicht immer parallel laufen, sondern 
bald divergiren, bald coUidiren, so lange der Einzelne in dem 
Berufsgeuossen leider immer noch den Mitbewerber und Con- 
currenten in materieller Beziehung sieht und — ich gebe zu — 
hier und dort 'sehen muss, so lange die Interessensphären zu- 
weilen innerhalb eines relativ engeren Gebiets liegen, wie z. B- 
auf dem Lande und in der Kleinstadt, so lange Dasjenige, was 
die Basis unserer Position bildet, das wissenschaftlich-technische 
Können, individuell sehr verschieden sich verhält, bei manchen 
Collegen sogar trotz aller schönen Examina recht unsicher, man- 
gelhaft oder einseitig ist, während es an einer genügenden 
Schutzdecke gegen unlautere Machinationen in Form einer an- 
gemessenen staatlichen Ordnung der ärztlichen Standesangelegen- 
heiten (vulgo Aerzteordnung) und erst recht an einer die Aerzte 
in ihrer Gesammtheit wie mit einem Ring umschliessenden Auto- 
Disciplin in Gestalt eines festen und autoritativen Codex ethicus 
fehlt, so lange die seit Olim's Zeiten existirende und sprich- 
wörtlich gewordene Invidia medicorum, die an Qualität und 
Quantität allenfalls nur dem Künstlemeide trotzt, nicht gänzlich 
aus unserer Mitte zu bannen sein wird, eben so lange muss und 
wird auch das wahre Ideal von Collegialität unerreichbar sein 



*- - ^ - »• 



— 51 — 

und bleiben. Ich verstehe darunter ein über da^ gewöhnliche 
Maas des kahl Conventionellen hinausgehendes, ceteris paribus 
wärmeres und aufrichtigeres Freundschaftsgefühl der Zusammen- 
gehörigkeit, die Pflicht des Einen, einzutreten für die Ehre und 
das Wohl der G-esammtheit seiner Standesgenossen, und die 
Pflicht Aller, dem Einzelnen beizustehen, wo er unberechtigten 
Angriflfen von aussen und innen ausgesetzt wird, die Pflege 
eines rechten und echten Corpsgeistes in gutem Sinne, der die 
CoUegen als ehemalige academische Mitbürger so lebhaft beseelen 
sollte, dass sie sich zu einander hingezogen, statt, wie es leider 
oft genug vorkommt, persönlich von einander abgestossen fühlen, 
dass sie jede Gelegenheit zu vertraulichem Verkehr zwecks 
Austausches der Meinungen über sich und ihren Stand betreffende 
Angelegenheiten mit Freuden willkommen heissen, sie sogar 
suchen, dass sie dabei, wie besonders bei unvermeidlichem Zu- 
sammentreffen am Krankenbette, alle Bivalitätsgefühle unter- 
drücken, dass sie — und das ist wohl das Punctum saliens — 
zum wenigsten nicht durch manifeste Antipathieen ein ihren 
Stand entwürdigendes und abschreckendes Schauspiel der Un- 
verträglichkeit und Zerwürfniss dem Publikum bieten. — Ange- 
sichts der auch im ärztlichen Stande obwaltenden begreiflichen 
und verzeihlichen Menschlichkeiten aller Art ist man in der 
That leider genöthigt, mit seinen CoUegialitätsansprücheu weit 
unterhalb dieser idealen Niveauhöhe herabzugehen; man wird 
sich zufrieden geben müssen, wenn es gelingt, die Cooipetenz- 
verhältnisse so zu reguliren, dass zum mindesten ein erträglicher 
Modus vivendi gefunden und das Decorum nach aussen 'gewahrt 
werden kann. Wie bei einer Convenienzehe, muss statt der 
Liebe die Pflicht treten, die Ueberzeugung von der Nothwendig- 
keit da, wo es an aufrichtigen und inneren Sympathien fehlt, 
diese so weit als möglich zu ersetzen, indem mau sich im Ver- 
kehr desjenigen Verhaltens befleissigt, wie es unter gebildeten 
Ehrenmännern aller besseren Stände üblich ist, vor Allem sich 
so zu begegnen, dass jeder Verdacht absichtlicher Verletzung, 
feindseliger Gesinnung, geschweige denn Eclat und offener Za- 
sammenstoss vermieden werden. Die hierherg^hörigen Pflichten 
lassen sich zwanglos in zwei Gruppen sondern, denen als ge- 
meinschaftliches Substrat das bewusste Streben zu Grunde liegen 

4* 



— 52 — 

soll, dem alten Satze: neminem laedere, suum cuique tribuere 
nach Kräften gerecht zu werden. 

Zur ttruppe I der coUegialen Verpflichtungen im weiteren 
Sinne wollen wir diejenigen rechnen, durch deren Verletzung 
die CoUegenschafl indirect geschädigt wird. Ihre Characteri- 
sirung lässt sich am deutlichsten durch negative Betrachtung 
desjenigen, was als nicht statthaft gilt, geben. Wenn beispiels- 
weise ein Arzt fortgesetzt seine Kunst in den öflfentlichen Tages- 
blättern feilbietet, oder wenn er sich ofien als Bekeuner beson- 
derer therapeutischer Richtungen (wie Homöopathie, des soge- 
nannten Naturheilverfahrens etc.) proclamirt und damit das 
Laienpublikum zum Richter in einer Sache anruft, von der es 
nichts versteht, resp es glauben machen will, dass er die ärzt- 
liche Kunst besser handhabe, als seine übrigen Standesgenossen, 
welche nicht den erwähnten Richtungen huldigen, oder wenn er 
sich als Spezialarzt für einen bestimmten Heilzweig bezeichnet, 
ohne nachweislich die entsprechende wissenschaftlich-technische 
Qualification zu besitzen, lediglich in der Intention, Clientel her- 
beizulocken (hierfür muss namentlich das Epitheton Einderarzt 
oft herhalten), oder wenn Jemand, sei es öffentlich in der Presse, 
sei es privatim, für notorisch durch innere Mittel unheilbare 
Krankheiten, als da sind maligne Tumoren, Epilepsie in gewissen 
Fällen, vonceschrittene Formen von Phthise etc., behauptet, un- 
fehlbar wirkende Geheimmittel zu besitzen etc. oder wenn er 
bei Bewerbungen um ärztliche Stellen sich den Sieg durch Be- 
stechungen, Unterbieten und ähnliche unlautere Mittel zu ver- 
schaffen sucht, oder wenn er positiv begüterten Personen seine 
Hilfe gegen unverhältnissmässig niederes Entgelt leistet, oder wenn 
er einem Laienpublikum gegenüber mit seinen Erfolgen renommirt, 
dagegen die Leistungen des resp. der Collegen mit versteckten, 
aber nicht misszuverstehenden Andeutungen und Winken despec- 
tirlich zu machen sucht, bezw. solche Aeusserungen von Laien 
über andere Collegen duldet und ruhig mit anhört, oder wenn 
er, wie das in Orossstädten vorkommt, durch Anbringen vieler 
ungewöhnlich grosser und mehr an die von Kaufleuten ermnem- 
der Schilder und Plakate die Aufmerksamkeit auf sich zu 
lenken sucht, oder wenn er durch Abhalten von Sprechstunden 
in verschiedenen Stadttheilen gleichsam Geschäftsfilialen er- 



- 53 ~ 

richtet, oder wenu er gar, was aach schon vorgekommen ist, 
dadurch Reklame ftlr sich zu machen sucht, dass er mit Personen 
aas niederen und ungebildeten Volksschichten gesellschaftlichen 
Verkehr pflegt, an ihren Vereins- und sonstigen Festlichkeiten 
sich betheiligt, Kränzchen arrangiren hilft oder wenn er mit Kur- 
pfuschern gemeinschaftliche Sache macht etc. etc , so liegen 
Sünden gegen die elementarsten Pflichten des collegialen An- 
standes vor. Es handelt sich bei allen diessen Dingen um ein 
ganz gemeines Leitmotiv, nämlich um niedrige Habsucht, um 
das Streben, die eigene materielle Machtsphäre direct auf Kosten 
der äbrigen Collegen zu erweitern, nicht durch wirkliche bessere 
ärztliche Leistungen, nicht durch grössere Pflichttreue, bereit- 
willigere, sachverständigere Hilfe, sondern lediglich durch eine 
Reihe von Practiken, welchen, wie jeder Sachkenner weiss, der 
Stempel des Schwindels und der Luge aufgeprägt ist. Der be- 
treffende Arzt stellt sich mit solchem Gebahren völlig ausserhalb 
des Rahmens jeder Collegialität und macht dadurch einen selbst 
in formellen Schranken sich haltenden Verkehr absolut unmöglich. 
Erfreulicherweise kann man zur Ehre für unseren Stand con- 
statiren, dass diese schreiende Verletzungen des collegialen Au- 
slandes involvirenden Vorkommnisse verhältnissmässig ausser- 
ordentlich selten und mit Collegen dieser Art nur einzelne, 
wenige Orossstädte beglückt sind. Oefter wird freilich gegen 
die zweite Categorie collegialer Verpflichtungen vei*stossen. Zu 
diesen rechnen wir zunächst die im persönlichen, gesellschaft- 
lichen (nicht rein berufsmässigen) Verkehr erforderlichen Um- 
gangsformen und Manieren. Gewiss und unzweifelhaft bilden 
wir Aerzte so zu sagen einen demokratischen Stand. Der älteste 
Geheimrath hat in collegialer Beziehung nicht mehr oder weniger 
Rechte und Pflichten als der jüngste, eben „auf die Menschheit 
lossgelassene" College. Aber ich meine trotz oder vielleicht 
erst recht wegen dieser Gleichheit sollte es doch der jüngere 
College für eine der elementarsten Anstandspflichten halten, dem 
ihm an Jahren und wenn auch nicht immer an positivem Schul- 
wissen, so doch an gereifteren Lebensanschaunngen und Er- 
fahrungen überlegenen älteren Collegen mit Ehrerbietung zu be- 
gegnen, wie man sie eo ipso auch im gewöhnlichen Leben einem 
älteren Herrn erweist, selbst wenn es sich nicht um einen 



— 54 — 

Berufsgenossen handelt. Leider kann man nicht selten, ja fast 
alltäglich die Erfahrung machen, dass von Einzelnen ein confl- 
dentieller, nm nicht zn sagen cordial-insolenter Ton angesichlagen 
wird, der verletzend wirkt. Es braucht wohl nicht gesagt zu 
werden, welch' einen ungunstigen Eindruck es ferner macht, 
wenn ein manchmal kaum flügge gewordener College bereits von 
seinen bedeutenden Erfahrungen und Erfolgen zu erzählen weiss. 

That sächlich kommt auch das vor. Wird mit dieser ekel- 
haften Prahlerei wirklich die malitiöse Absicht, den Andern zu 
argem, verbunden, so giebt es wohl kaum einen thörichteren 
Schritt. Der Pfeil fällt auf den Schützen zurück und der be- 
betrefi'ende Renommist charakterisirt und — richtet sich damit 
selbst als einen Mann der niedrigsten Gesinnung. Andererseits 
wird auch zweifellos seitens älterer CoUegen vielfach dadurch 
gesündigt, dass sie ihre semestrale Superiorität den jüngeren zu 
sehr fehlen lassen, ihm gegenüber mitunter eine hochfahrende, 
gönnerhaft patronisirende Miene annehmen, zuweilen sogar, was 
noch schlimmer ist, durch kleinliche Chicanirungsversuche (bei 
Consultationen etc.) allerhand in den Weg legen, resp. dem 
A erger und den Bivalitätsgefühlen über die Erfolge desselben 
offenen und versteckten Ausdruck verleihen. Auch damit stellt 
man sich ein schlimmes ethisches Testimonium panpertatis aus. 

Wenn es in einem relativ abgegrenzten und circumscripten 
Gebiet einem zuziehenden Collegen bald gelingt, zu einer aus- 
gedehnteren Praxis zu gelangen, so denke ich, wird man ange- 
sichts der unantastbaren ärztlichen Freizügigkeit und des guten 
Rechts jedes Einzelnen, sein Fortkommen mit lauteren Mitteln 
auf alle Weise zu erstreben, gut daran thun, die Ursachen für 
die etwaige Abnahme der eigenen Erfolge nicht ausschliesslich 
in der Neigung des Publikums zum Aerztewechsel, sondern in 
erster Linie und hauptsächlich in sich selbt resp. in eigenen 
Fehlern zu suchen. Im Uebrigen bietet gerade diese variirende 
Fluctuation der Bevölkerung, unter der die älteren Collegen in 
grossen Städten gewiss oft zu leiden haben, die beste Correctur 
dar, insofern allmählich wieder ein Ausgleich und ein Ersatz 
der erlittenen Ausfälle sich anbahnt. Wohl mag es vielleicht 
bei Manchem ein berechtigtes Gefühl der Bitterkeit wecken, 
wenn er seinen gleichaltrigen, im Wissen von der Universität 



— 55 — 

her vielleicht nicht zu sehr überlegenen Collegen im Besitz 
einer grossen Praxis sieht, während es ihm selbst innerhalb 
desselben Wirkungskreises trotz redlicher, jahrelanger Bemühung 
nicht gelingen will, auch nur einigermaassen nennenswerthe 
materielle Erfolge zu erringen. Thöricht und sittlich verwerflich 
wäre es aber, das dem Collegen aus Brodneid nachzutragen und 
ihn mit scheelen Blicken zu betrachten, anstatt die Ursache 
hierf&r in ganz anderen Factoren zu suchen und sich mit dem 
Gedanken zu trösten, dass in menschlichen Verhältnissen der- 
artige Ungleichheiten absolut unvermeidlich sind. Besser thäte 
der Betreflfende, wenn er einmal dem Geheimniss der Erfolge 
des Andern nachspürte und sich selbst bemühte, ihn an wirk- 
lichem Eifer, an geschicktem Savoir faire zu überbieten. Muss 
doch auch der allgemeine Practiker dem grossen Spedalisten 
und Kliniker, der Jahre lang die intensivsten und kostspieligsten 
wissenschaftlichen Studien getrieben hat, bevor er dazu gelangte, 
diese in klingetide Münze umzusetzen, das Recht auf grössere 
Anerkennung und entsprechend höhere Honorare neidlos ein- 
räumen. 

Andererseits beherzige der jüngere und ungeduldige Prac- 
tiker, dass ihm nach der üblichen Warte- und Carenzzeit, ohne 
die es nun einmal auch beim Arzte nicht abgeht, ebenfalls 
lohnende Praxis winkt, wenn er nur seine Schuldigkeit in vollem 
Maasse thut und vor Allem über ein genügendes Wissen und 
Können verfügt! Persönliche (nicht wissenschaftliche) Zwistig- 
keiten unter Collegen bilden immer für eine, zuweilen auch für 
beide Parteien, ein hässliches Testimonium paupertatis morum. 
Ihre Beilegung sollte stets nur vor einem collegialen Forum, 
event. durch ehrengerichtliche Vermittlung im Schosse der 
Vereine erfolgen (s. Abschnitt VII). In ihrer weitaus grösseren 
Mehrzahl wären derartige Differenzen vermeidbar, wenn man 
bei Untreue eines Patienten nicht dem Collegen zürnt, der die 
weitere Behandlung zu übernehmen oft gezwungen ist. — Von 
diesen Erwägungen geleitet, denke ich, werden die Collegen, 
ohne dass sie erst nöthig haben, ihrem Herzen, wie man sagt, 
einen Stoss zu versetzen, die Bestie in sich gewaltsam nieder- 
zuhalten oder einen Akt von Selbstüberwindung zu üben, viel- 
mehr ganz spontan lediglich aus sittlichem Gefühl heraus in 



— 66 — 

Wahrang der Ehre und Wflrde des Standes denjenigen Pflichten 
bereitwilligst genttgen, welche ihnen die Nothwendigkeit eines 
engeren, unmittelbar amtlichen und beruflichen Verkehrs auf- 
erlegt, ich meine die bei ärztlichen Consilien in Betracht 
kommenden. 

Hierüber, sowie über ärztliches Vereinsleben und Ehren- 
gerichtsbarkeit ein weiteres Capitel. 






\ 



vn. 

Aerztliche GonsUieDy Yereinswesen, Disciplin. 

1) Consilien sind für jeden Arzt, selbst in einer kleineren 
Praxis unyermeidlich, fOr den gewissenhaften sogar, der sich 
seiner Verantwortlichkeit voll bewasst ist and es damit recht 
ernst nimmt, der nicht mit charlatanhafter Oberflächlichkeit bei 
der Diagnose verfährt und an Unfehlbarkeitsdünkel leidet, ge- 
radezu erwünscht. Belativ öfter, als der erfahrene ältere und 
gewandtere Arzt, kommt der jüngere College in die Lage, auf 
Wunsch des Patienten resp. von dessen Angehörigen sich das 
Eingreifen anderweitiger ältlicher Thätigkeit gefallen lassen zu 
müssen. Dazu geben mannigfache Gründe Veranlassung, die 
auf der Hand liegen und hier nicht aufgezählt zu weiden 
brauchen. Man wird sich um so lieber zu einem Consilium ver- 
stehen, wenn man erwägt, dass diesem Verlangen sicher nicht 
ausschliesslich ein Misstrauen zu Grrunde liegt, sondern dass 
dabei oft genug auch andere Verhältnisse, namentlich im Kreise 
der oberen Zehntausend, eine Rolle spielen, welche die gemein- 
schaftliche Behandlung eines Kranken durch einen zweiten oder 
mehrere Collegen wünschenswerth erscheinen lassen. Vom psycho- 
logischen und menschlichen Standpunkte aus betrachtet, erscheint 
übrigens der Wunsch des Kranken nach einem Arztwechsel hie 
und da nicht ganz ungerechtfertigt. Erfahrungsgemäss enstehen 
aber gerade hieraus leicht Conflicte, seltener durch direct illoyales 
und malevolentes Verhalten eines Collegen, als vielmehr durch 
irgend eine unbeabsichtigte und unbedachte, manchmal sogar 
optima fide begangene Tactlosigkeit. Um die aus incorrectem 
Verfahren sich ergebenden Misshelligkeiten und Missverständnisse 
unter den Collegen auf ein möglichst geringes Maass zu be- 
schränken oder, wenn es geht, ganz zu eliminiren, ist gerade in 



— 58 — 

diesem Punkt eine bestimmte Regelung nach einer bindenden 
Norm eine wahre Wohlthat für alle Betheiligten, auch für die 
Collegen, die über den Verdacht des Brodneides und der mala 
fides erhaben sind (nur allerdings nicht für perfide Schubejacke 
und habsüchtige Heilschacherer). Zu allen Zeiten hat man im 
Interesse der ärztlichen Ehre und Standeswürde, schon in Hin- 
sicht auf das Decorum nach aussen, die Nothwendigkeit einer 
solchen Normirung gefühlt. Ohara cteiistisch dafür ist besonders 
der Umstand, dass, als 1872 der grosse deutsche Aerztevereins- 
bund in's Leben gerufen wurde, eine der ersten Sorgen der 
einzelnen diesen Bund bildenden Vereine dahin ging, zunächst für 
ihre Mitglieder eine solche allgemeine Standesordnung zu kreiren. 
Die Aufgabe war nicht ganz leicht; die dahin bezüglichen Be- 
strebungen und ihre Lösung bilden sozusagen den Gradmesser 
für die ethisch- collegiale Gesinnung, für den Geist der Loyalität, 
welcher die Vertreter unseres Berufes innerhalb eines bestimmten 
Wirkungskreises beseelt. Besonders in Süddeatschland, wo yon 
jeher das Vereinsleben blühte, wurde eine rege Thätigkeit nach 
dieser Bichtung entfaltet. Auf die Geschichte derselben kann 
hier im Einzelnen nicht näher eingegangen werden ; in den älteren 
Jahrgängen des ärztlichen Vercinsblattes findet Derjenige, der 
yon dieser Angelegenheit genauere Eenntniss nehmen will, das 
Material darüber in grösster Vollständigkeit zusammengestellt. 
Es genüge hier die Angabe, dass, nachdem der Münchener 
ärztliche Bezirksverein in Anlehnung an den Code of medical 
ethics der Amerikaner (vergl. ärztl. Vereinsbl., 1876, p. 90) eine 
ähnliche Standesordnung, die aber der Kritik noch mannigfache 
Blossen bot, ausgearbeitet hatte, eine nahezu ideale Lösung der 
Aufgabe dem ärztlichen Kreisvereine Karlsruhe gelang. Abge- 
gedruckt ist diese ganz ausgedehnte Arbeit 1. c, 1870, p. 147; 
ferner in dem 1. Jahrgang (1880) des im Auftrage des Aerzte- 
yereinsbundes yon dem damaligen Bedacteur Heinze herausge- 
gebenen „Taschenbuchs für deutsche Aerzte" (Leipzig, Acker- 
mann und Glaser). In Rücksicht darauf, dass nicht jedem 
CoUegen diese älteren Jahrgänge ohne Weiteres zugänglich sind, 
werde ich im Anhange zu diesem Capitel die Karlsruher ärztliche 
Standesordnung vollständig reproduciren. Man wird aus dem 
Studium derselben den Eindruck gewinnen, dass sie die An- 



— 59 >- 

fordeiungen an den collegialen Anstand in keiner Weise äberspannt, 
dass sie durchaus keine göttergleiche oder engelhafte Entsagnngs- 
lähigkeit von uns fordert, sondern dass es sich nur um etwas 
tQr jeden Gentleman Erfüllbares, auch in Bezug auf weise 
Mässigung und Beschränkung um ein Musterspecimen ärztlicher 
Ethik handelt, das jedem medicinischen Taschenbuch, Yademecum 
oder Medicinalkalender als Anlage beigegeben zu werden 
yerdiente. 

2) Im Anschluss hieran möchte ich die Aufmerksamkeit 
der jttngeren, mit den bezüglichen Verhältnissen noch nicht ver- 
trauten Collegen auf die in allen Gauen unseres grossen deutschen 
Vaterlandes existirenden ärztlichen Bezirks- und Standesvereine 
lenken und für den Anschluss an einen solchen lokalen resp. 
benachbarten Verein aufs allerkräftigste plaidiren. Zwar hat 
das coUegiale Vereinsleben, das bald uach Gründung des deutschen 
Keichs einen hohen Aufschwung nehmen zu wollen schien (ygl. 
die prächtige, von dem verstorbenen langjährigen Präsidenten 
des deutschen Aerztevereinsbondes Eduard Graf als Festschrift 
zum l(\ Internationalen Congress herausgegebene Geschichte des 
ärztl. Vereinswesens in Deutschland, Leipzig 1890, Vogel), 
neuerdings in Folge verschiedener Factoren, deren Erörterung 
nicht hierher gehört, hie und da eine nicht geringe Einbusse 
erlitten. Zwar sollte es solcher einzelnen Vereine, die mitunter 
in ihren Tendenzen recht divergiren und so zersplittert resp. 
unter sich so uneinig sind, dass sie wiederum ein neues Spiegel- 
bild der Uneinigkeit und Zerfahrenheit der Aerzte bieten, gar 
nicht erst bedürfen, sondern jeder eiuzelne College, der die 
Wurde des ärztlichen Standes auf seine Fahne geschrieben hat 
und als Sichtschnur seiner Handlungen nur Pflicht und Sittlich- 
keit kennt, sollte sich eo ipso als Mitglied des grossen, von 
keinem sichtbaren äusseren, aber doch von dem geistigen Bande 
der Wissenschaft und des Standesbewusstseins zusammenge- 
haltenen Aerztevereins betrachten und danach sein Verhalten 
auch im collegialen Verkehr dirigiren. Indessen der Gang der 
politischen und socialen Ereignisse in der Neuzeit, die die Sig- 
natur des Altruismus trägt und keine egoistische IsoUrung ohne 
Schaden für den Einzelnen duldet, der Neuzeit, die den Parla- 
mentarismus in Deutschland geboren und das Verkehrsleben zur 



— 60 — 

Üppigen Entwicklang gebracht hat, erheischt gebieterisch auch 
bei den Aerzten corporativen Zasammenschlass unter der Devise: 
unitis viribus. Eine Reihe von Umwälzungen, welche die Ent- 
wicklung der Hygiene einerseits und das Erankenversicherungs- 
wesen, von dem noch später besonders die Bede sein muss, 
andererseits zur Folge gehabt haben, und schon beginnen, recht 
empfindlich auch in dem materiellen Dasein der Aei^zte sich be- 
merkbar zu macheu, legen jedem einzelnen Collegen die Noth- 
wendigkeit auf, auch seine Stimme zur Geltung, Feine Meinung 
zum Gehör zu bringen, und das kann er ausser bei den Wahlen 
zur Aerztekammer am wirksamsten nur noch im Schosse der 
Vereine besorgen. Abgesehen von der moralischen Disciplin, 
welche gerade das Vereinsleben mit sich bringt, besteht der 
Segen desselben auch noch darin, dass der Verkehr mit älteren 
und erfahreneren Collegen, von denen viele eine autoritative 
Stellung einnehmen und eine Zierde unseres Standes sind, neben 
mannigfacher Belehrung und Anregung, neben wirksamem Bei- 
stand resp. zweckmässigen Bathschlägen in gewissen Verlegen- 
heiten, unangenehmen Situationen , unvermeidlich gewesenen 
collegialeu Conflicten, bei drohenden Anklagen wegen Kunst- 
fehlers etc. das beste Präservativ gegen Banausenthum und 
„Verbauern" bietet. Ich halte gerade den Umstand für eine 
Schattenseite der Landpraxis, und bedauere die Collegen vom 
Lande deswegen innig, dass sie nur schwer dazu gelangen 
können, regelmässige, persönliche Beziehungen mit einander zu 
unterhalten. Ich glaube, gegen das Gefühl der Abgestumpftheit, 
gegen die Einseitigkeit, die mit der Zeit gerade die Ausübung 
des ärztUcheu Berufs zur Folge hat, bildet ein i^ges Vereins- 
leben, ein Verkehr im trauten collegialeu Kreise das beste 
Correctiv. 

3) Wünschenswerth wäre, dass eine Möglichkeit existirte, 
alle Collegen mit einem gewissen leisen Zwang zur Betheiligung 
am Vereinsleben heranzuziehen und damit die entschieden er- 
forderliche spontane Autodisciplin auf alle Elemente des ärztlichen 
Standes auszudehnen. In den Vordergrund gerückt ist diese 
Frage durch die neuerdings regierungsseitig in Preussen geplante 
Einführung einer staatlichen Ehrengerichtsbarkeit für die Aerzte. 
Das Widerstreben, das sich bei vielen Collegen gegen diese 



— 61 ~ 

Neuerung zeigt, rührt nicht etwa daher, dass die Einzelnen ein 
schlechtes coUegiales Gewissen haben und daher nach dieser 
Seite Drangsalirungen furchten, auch nicht daher, dass man von 
der ünzweckmässigkeit einer solchen Ehrengerichtsbarkeit über- 
zeugt wäre, die für die guten Collegen wohl überflüssig ist und 
die schlechten Elemente durch das Hineindrängen in die im 
Zeitalter der Gewerbefreiheit durchaus nicht harmlose Kur- 
pfuscherznnft nui* gefährlicher für die anständigen Aerzte machen 
würde, auch nicht daher, dass man nur ungern seine goldene 
Freiheit einbüssen will — ein Moment, was nur den einen 
Nutzen stiften könnte, dass es unzweifelhaft den Andrang zum 
med. Studium mit der Zeit vermindern würde, ^- sondern dieses 
Widerstreben leitet sich hauptsächlich aus einem nach früheren 
analogen Vorgängen durchaus nicht unberechtigten tiefen Miss- 
trauen gegen die Begiemng her, es möchte diese eine solche 
Ehrengerichtsbarkeit vielleicht in einigen Fällen zu Maass- 
regelungen solcher CoUegen missbrauchen, welche sich politisch 
als liberale oder — horribile dictu — socialdemokratische Oppo- 
sitionsmenschen missliebig machen resp. „die Standeswürde ver- 
letzen^. Sollte ein solches Misstrauen begründet sein, so hätten 
die Collegen alle Veranlassung, sich mit Macht gegen die 
Neuerung zu stenunen im Interesse der Wahrung ihrer staats- 
bürgerlichen Rechte, ganz abgesehen von dem Moment, dass 
wir durch einen derartigen Eingriff mit einem neuen Onus der 
BeamtenquaUfication belastet würden, ohne dafür ein entsprechen- 
des Correlat in Gestalt anderer Privilegien zu erhalten. So sehr 
ich persönlich dafür eintrete, dass der College, welcher practisch 
thätig ist, im Interesse seines Berufs sich jeder prouoncirt 
politischen Parteinahme oder Agitation absolut enthalten solle 
so sehr muss man sich doch gegen die Interpretation wenden 
dass durch politische Wirksamkeit der Arzt eo ipso sich der 
Achtung und des Vertrauens unwürdig macht, welche sein Beruf 
erfordert — Gelingt es der Regierung, welche den ärztlichen 
Stand mit der erwähnten Ehrengerichtsbarkeit beglücken will, 
den Nachweis zu fähren, dass sie lediglich den Zweck damit 
verfolge, alle die verschiedenen Auswüchse im ärztlichen Leben 
auszurotten, die in der Tbat von den Besseren als solche lebhaft 
empfunden und beklagt werden (vergl. unsere Schilderung in 



— 62 — 

Cap. VI), so liesse sich vielleicht mit gewissen Modificationen 
dafür plaidiren. Indessen — timeo Danaos et dona ferentes. 

Will die Regierung dem ärztlichen Stande eine wahre Wohl- 
that erweisen, so schaffe sie uns die längst geforderte Aerzte- 
ordnung und die Möglichkeit, aus eigener Kraft in autoritativer 
Weise nachhaltig auf die räudigen Schafe einzuwirken, indem 
sie lediglich die Vorstände der Aerztekammer mit disciplinarer 
Aufsichtsbefugniss — ohne Beigabe eines juristischen Apparats — 
ähnlich wie das bei den Ehren- und Schiedsgerichten der Vereine 
der Fall ist — resp. mit Strafcompetenzen ausstattet. 

Das würde genügen ; mehr brauchen wir nicht, Doch breche 
ich liier die Erörterung ab und gebe nunmehr den versprocheneu 
Anhang: 

Standesordnniig 
ffir die Mitglieder des ärztlichen . . Vereins. 

I. Pflichten der Aerzte gegen einander und gegen den 

ärztlichen Stand im Allgemeinen. 

§ 1. 

Jedem Mitgliede des ärztlichen Standes muss die Aufrecht- 
erhaltung der Ehre und Würde des Standes als oberstes Gesetz 
gelten. Jeder dem . . . Verein angehörige Arzt hat deshalb die 
nachstehenden Regeln zu beachten und zu befolgen. 

§ 2. 
Es ist gegen die Würde des ärztlichen Standes, in irgend 
einer Weise Reklame zu machen, z. B. wiederholt öffentliche 
Anzeigen zu erlassen, durch Karten oder sonstige Ankündigungs- 
mittel die Aufinerksamkeit besonderer Arten von Kranken auf 
sich zu lenken, Armen öffentlich seine ärztliche Hilfe unentgelt- 
lich anzubieten, briefliche Behandlung, Zusendung besonderer 
Arzneien oder Instrumente zu verspi*echen, durch sogenannte 
populäre Broschüren auf bestimmte Heilmethoden aufmerksam 
zu machen, Krankengeschichten oder Operationen in nicht wissen- 
schaftlichen Zeitungen zu veröffentlichen oder deren Veröffent- 
lichungen zu gestatten, Laien als Zuschauer zu Operationen ein- 
zuladen, sich Zeugnisse oder Danksagungen für ärztliche Hilfe 



— 63 - 

oder Heilerfolge öffentlich oder privatim ausstellen zu lassen 
oder ähnliche Handlungen zu begehen. Selbstverständlich ist es 
dagegen gestattet, bei Niederlassung an einem Orte oder bei 
Wohnungswechsel jeweils dem Publikum in ortsüblicher Weise 
durch öffentliche Blätter hiervon Nachricht zu geben; auch kann 
er bei dieser Gelegenheit, sofern er Specialist im wissenschaft- 
lichen Sinne ist, dieses mittheilen. 

§ 3. 
Es ist füb- den Arzt entwürdigend, sogenannte Geheimmittel 
zu verordnen oder das Publikum in dem Glauben zu lassen, er 
besitze ein nur ihm bekanntes Mittel zur Heilung bestimmter 
Krankheiten. Unstatthaft ist es ferner, die Wirksamkeit 
sogenannter Geheimmittel zu bezeugen oder in irgend einer Weise 
deren Gebrauch zu fördern. 

Kann ein Arzt ans Gesundheitsrücksichten, wegen nicht 
beruflicher Geschäfte, Abwesenheit oder Unglücksfällen in seiner 
Familie, seinen Berufspflichten nicht nachkommen, so soll ihm 
von den CoUegen die nachgesuchte Aushilfe sofort gewährt und 
sein Interesse und Stand als Hausarzt gewahrt werden. Die 
Eegelung des Honorars für in solchen Fällen geleistete ärztliche 
Hilfe bleibt jeweils besonderer Uebereinkunft überlassen. 

IL Von den Consilien. 

§ 5. 
Als Consiliarius muss jeder approbirte Arzt, gegen dessen 
€haracter und Berufsthätigseit keine gegründete Anklage er- 
hoben worden ist oder erhoben werden kann, zugelassen werden. 

§ 6- 
In Consilien soll jeder Schein von Rivalität oder Eifersucht 

vermieden und offenes, rücksichtsvolles Benehmen gegen einander 

beobachtet werden. 

§7. 

Der Consiliarius soll zuerst die nöthigen Fragen an den 

Kranken stellen und die Untersuchungen vornehmen, welche 

ihm über den Fall Aufschluss verschaffen können. Die Be- 

rathung dari, mit strengem Ausschluss der Laien, nicht in dem 



— 64 — 

Krankenzimmer selbst stattfinden. Nach Beendigung derselben 
soll der behandelnde Arzt das Resultat dem Patienten oder 
dessen Angehörigen mittheUen, soweit es filr zweckmässig er- 
achtet wurde, desgleichen auch die nöthigen Verordnungen machen. 
Ueber die Berathung selbst und die Betheiligung an derselben 
von Seiten des einen oder anderen Arztes darf keine Mittheilung 
gemacht werden. 

§8. 
Der behandelnde Arzt soll im Consilium zuerst seine 
Meinung abgeben, und, falls mehrere Consiliarii zugegen sind, 
diese in der Eeihenfolge, wie sie beigezogen wurden. Eine un- 
erwartete Aenderung in der Lage des Falles berechtigt den 
behandelnden Arzt, von der im Consilium beschlossenen Behandlung 
abzuweichen, derselbe hat jedoch die Grande hierfür in dem 
nächsten Consilium sorgfältig auseinander zu setzen. Das gleiche 
Recht und die gleiche Pflicht hat der Consiliarius, wenn er im 
NothfaUe gerufen wird, d. h. weil der behandelnde Arzt zur 
Zeit nicht aufgefunden werden kann. 

§ 9. 
Aeusserste Pünktlichkeit ist bei Consilien geboten; nur 
ganz dringende Fälle entschuldigen, und hat wegen einer solchen 
Möglichkeit der zuerst zum Consilium eingetroffene Arzt 10 Min. 
auf den zweiten zu warten. Nach Ablauf dieser Frist ist das 
Consilium als auf einen neuen Termin verschoben zu betrachten. 
War nur der behandelnde Arzt gekommen, so wird dieser den 
Kranken sehen und seine Verordnungen geben, war es dagegen 
der Consiliarius, so hat derselbe sich einfach wieder zurückzu- 
ziehen, ausser bei einem sehr dringenden Falle, welcher sofortige 
Hilfe erfordert, oder wenn er aus grösserer Entfernung beige- 
zogen worden war. In solchen Fällen mag er den Kranken 
untersuchen, und seine Meinung schriftlich und verschlossen dem 
behandelnden Arzte hinterlassen. 

§ 10. 

Alle Verhandlungen in einem Consilium sollen geheim 

bleiben und als Vertrauenssache behandelt werden. Weder durch 

Worte, noch durch das Benehmen soll einer der betheiligten 

Aerzte aussprechen oder merken lassen, dass er zu irgend einem 



— 65 — 

Punkte der Verhandlung seine Zustimmung nicht gegeben habe. 
Die Verantwortlichkeit müssen beide Aerzte gemeinschaftlich 
tragen, Erfolg und Misserfolg gleichmässig auf sich nehmen. 

§ 11. 

Sollte bei einem Consilium von mehreren Aerzten eine nicht 
zu beseitigende Meinungsverschiedenheit bestehen, so ist die 
Majorität entscheidend. Kann bei einem Consilium von zwei 
Aerzten trotz gegenseitiger Zugeständnisse keine TJeberein- 
stimmung erzielt werden, so soll, wenn thunlich, ein dritter Arzt 
zugezogen werden. Verbieten die Umstände ein solches Aus- 
kunftsmittel, so muss dem Patienten die Wahl des Arztes, in 
welchen er das meiste Vertrauen setzt, tiberlassen bleiben. Der 
andere Arzt soll sowohl jede weitere Besprechung im Consilium 
als auch die weitere Theilnahme an der Behandlung des Falles 
ablehnen und sich zurückziehen. 

§ 12. 

Ist nur ein einmaliges Consilium erforderlich, oder wünscht 
der Patient keine Wiederholung desselben, so hat sich der Con- 
siliarius jedes ferneren Besuchs zu enthalten. Als Begel muss 
aufgestellt werden, dass es, abgesehen von dem besonderen 
Wunsche des Patienten oder dessen Angehörigen, dem behandeln- 
den Arzte fiberlassen werden muss, eine Wiederholung des Con- 
siliums zu beantragen, dass dem Consiliarius dagegen eine Be- 
stimmung darüber durchaus nicht zusteht. 

§ 13. 

Der Consiliarius soll die Stellung des behandelnden Arztes 
in der ehrenhaftesten und sorgfältigsten Weise berücksichtigen, 
dessen Behandlung, wenn nöthig, vertheidigen, und es sollen 
seinerseits keine Winke oder Andeutungen fallen, welche das in 
denselben gesetzte Vertrauen schädigen oder sein Ansehen ver- 
letzen könnten. Auch soll der Consiliarius aussergewöhnliche 
Aufinerksamkeiten oder Bemühungen sorgfältig vermeiden, da 
diese nur den Verdacht erregen könnten, er wolle sich in die 
Gunst des Patienten oder dessen Familie einschmeicheln und den 
Hausarzt verdrängen. 

Pagel, llediciniBche Deontologie. ^ 



— 66 — 

III. Pflichten im geselligen und Berufsverkehr mit 
Patienten eines anderen Arztes. 

Der Arzt soll sich im Verkehr mit dem Clienten eines 
CoUegen äusserst vorsichtig und zurückhaltend benehmen, be- 
sonders wenn Geschäfte oder freundschaftliche Beziehungen ihn 
veranlassen, einen in der Behandlung eines anderen Arztes 
stehenden Kranken zu besuchen. 

§ 15. 

Der Arzt soll keinen Patienten, welcher kürzlich in der- 
selben Krankheit von einem andern Arzte behandelt worden ist, 
annehmen, oder ihm eine Verordnung geben, ausser in plötzlichen 
Nothfällen oder in Consilien mit dem zuerst die Behandlung 
leitenden Arate, oder endlich, wenn der letztere den Fall aufge- 
gebex), oder in gehöriger Weise verständigt worden war, dass 
seine Dienste nicht mehr gewünscht werden. 

Anmerkung. Berathungen im Hause des Arztes sind 
von solcher Beschränkung ausgeschlossen. 

Unter solchen Umständen sollen keine ungerechten oder 
herabsetzenden Bemerkungen über frühere Anordnungen und 
Behandlung gemacht, es sollen dieselben vielmehr vertheidigt 
werden, soweit es möglich ist. 

§ 16. 
Wird ein Arzt zu einem dringenden Falle gerufen, weil 
der Hausarzt nicht sofort gefunden werden kann, so soll er, 
wenn seine Anwesenheit später zu einem Consilium nicht ge- 
wünscht wird, die Sorge für den Kranken dem Hausarzte über- 
lassen, sobald letzterer eintrifft. 

§ 17. 
Wird bei plötzlichen Erkrankungen, Unglücksfällen etc. zu 
mehreren Aerzten zu gleicher Zeit geschickt, so verlangt es die 
Höflichkeit, dass der Patient dem zuerst eintreffenden Arzte 
überlassen werde, und soll dieser seine Assistenz, wenn ihm 
eine solche nöthig erscheint, unter den Anwesenden wählen. 
In alhn derartigen Fällen aber soll der auf diese Weise einge- 
führte Arzt die Anwesenheit des Hausarztes verlangen, und 



1 



— 67 — 

wenn seine weitere Hilfe nicht mehr gewünscht wird, dem 
letzteren, sobald er eintrifft, den Fall übergeben. 

§ 18. 
Wird ein Arzt zn dem Patienten eines anderen Arztes 

gerufen, weil letzterer krank oder abwesend ist, so hat er ihm 
bei seiner Bückkehr oder Genesung den Fall zu übergeben. 
Anmerkung. Unter „Patient eines anderen Arztes" 
ist derjenige Patient zu verstehen, welcher in der Behandlung 
eines Arztes zur Zeit vor des letzteren Erkrankung oder Abreise 
stand, oder welcher den betreffenden Arzt während dessen Ab- 
wesenheit oder Erkrankung rufen Hess, oder auf irgend eine 
andere ähnliche Weise zeigte, dass er den genannten Arzt als 
seinen gewöhnlichen ärztlichen Berather — Hausarzt — 
betrachte. 

§ 19. 
Ein Arzt, der einen Kranken auf dem Lande besucht, kann 
aufgefordert werden, einen benachbarten Kranken, der gewöhnlich 
von einem anderen Arzte behandelt wird, wegen plötzlicher 
Aenderung oder Verschlimmerung der Symptome zu besuchen. 
Das hier angezeigte Benehmen ist: einen den gegenwärtigen 
Umständen angemessenen Bath zu geben, sich nicht mehr als 
durchaus nöthig in den allgemeinen Behandlungsplan einzu- 
mischen und keine weiteren Anordnungen zu treffen. Wird 
letzteres gewünscht, so ist ein Consilium mit dem behandelnden 
Arzte zu verlangen. 

IV. Differenzen zwischen Aerzten. 

§ 20. 
Zur Schlichtung von Differenzen zwischen Aerzten wird ein 
Scliiedsgericht eingesetzt. Die näheren Bestimmungen über Zu- 
sammensetzung, Geschäftsordnung, Strafbefugniss u. s. f. bleiben 
einer besonderen Vollzugsverordnung vorbehalten. 

§ 21. 
Die Mitglieder des Vereins sind verpflichtet, alle Be- 
schwerden, welche eines derselben gegen ein anderes zu haben 
glaubt, dem Schiedsgerichte zur Entscheidung vorzulegen, des- 
gleichen auch im Falle einer Anklage sich vor demselben zu 

5* 



- 68 — 

verantworten. Dem Urtheile des Schiedsgerichtes hat sich jedes 
Vereinsmitglied bedingungslos zu unterwerfen. 

§ 22. 
Die dem Schiedsgerichte unterbreiteten Fälle, sowie die 
Verhandlungen und Urtheile desselben sollen geheim bleiben und 
nur nach Ermessen des Schiedsgerichtes den Mitgliedern des 
Vereins bekannt gegeben werden. 

V. Von dem Honorar. 
§ 28. 

Kein Arzt, selbst wenn er in den besten Vermögensver- 
hältnissen lebt, soll einem zahlungsfähigen Patienten (Collegen 
und deren Familien ausgenommen) seinen Rath unentgeltlich 
ertheilen, oder ein gegenüber dem gebräuchlichen unbedeutendes 
Honorar fordern. 

§ 24. 

In jeder Stadt oder in jedem Bezirke sollen die Aerzte 
gewisse allgemeine Regeln über die ¥ür Besuche, Sprechstunde 
u. s. w. zu fordernden Honorare aufstellen, und soll es als eine 
Ehrenpflicht betrachtet werden, diesen Regeln mit der grössten 
Gleichförmigkeit nachzukommen. Bei Consilien haben sich an 
demselben Orte wohnende Aerzte über das gleichmässsig von 
Beiden zu fordernde Honorar zu verständigen. 

Durchaus wttnschenswerth ist femer ein Uebereinkommen 
bezüglich abgekürzter, d. h. halbjährlicher Rechnungsstellung, 
über den Termin, nach dessen Ablauf rückständige Honorare 
zum zweiten Male eingefordert werden sollen, und schliesslich 
über zwangsweise Erhebung derselben. Im Interesse des Standes 
liegt es ferner, sich gegenseitig die Namen der Personen und 
Familien bekannt zu geben, welche sich als säumige Zahler ge- 
zeigt haben oder sich ihren Verpflichtungeu gegen den Arzt 
ganz zu entziehen suchten. 



VIII. 

Buch- und Journalführung, Honorarwesen und 

anderes Oeconomlsche. 

Der alte Satz: la midecine est la plus noble des professions 
et le plus triste des m^tiers ist in seiner letzten pessimistischen 
Hälfte von dem mir unbekannten Urheber wohl hauptsächlich 
im Hinblick auf die Nothwendigkeit geschrieben worden, dass 
der Arzt für seine Leistungen unmittelbar vom Empfänger sich 
honoriren lässt. Namentlich der Anfänger empfindet erfährungs- 
gemäss das oft als einen deprimirenden üebelstand. Man pflegt 
den Unterschied zwischen dem älteren und jüngeren Practiker 
scherzweise dahin zu statuiren, dass der Erstere bei der Frage: 
„Was bin ich Ihnen schuldig, Herr Doctor?" bereits das Erröthen 
verlernt habe. In neuerer Zeit allerdings will mir scheinen, 
als ob auch darin eine Art von Wandlung eingetreten ist, indem 
sogar unsere jüngeren, namentlich specialistisch geschulten 
Collegen gottlob durchaus nicht mehr so blöde bezüglich dieses 
Punktes sind, übrigens die älteren Specialisten auch nicht. Und 
das ist gewiss unanfechtbar. Sehr treffend bemerkt v. Ziemssen 
in seinem classischen, bereits im litterarischen Theil erwähnten 
Vortrag p. 14: „Warum ist denn der Arzt gerade inhuman, 
wenn er für seine Leistungen einen anständigen Lohn verlangt? 
Muss er nicht, ehe er selbstständig wird, ein sehr theures 
Studium durchmachen, hat er nicht auch den Kampf um's Dasein 
zu kämpfen, wie jeder Andere? Und dann soll er seinen an- 
strengenden, die Gesundheit so oft gefährdenden Beruf umsonst 
oder nahezu umsonst üben? Widmet nicht der Beamte, der Soldat 
seine Kraft dem Staate gegen entsprechende Gegenleistung? 
Verlangt nicht der Rechtsanwalt für die Vertretung seines 
dienten, der Geistliche für die Casualien, der Apotheker für 



— 70 — 

seine Arzneien, den entsprechenden Lohn ? Warum soll denn der 
Arzt allein zurückstehen? Nur wer sich selbst und seine Leistung 
etwas werth schätzt, wird auch von der Mitwelt geschätzt. Und 
wer weiss denn, wie viel Wohlthaten der Arzt in aller Stille in 
seinem Berufskreise austheilt, wie viel er „um Gottes willen" 
thut? Wenn ein reicher Mann alljährlich eine erhebliche Summe 
fiir die Annen spendet, so wird es in die Welt hinausposaunt, 
aber die Wohlthaten, welche die Aerzte Tag für Tag und Jahr 
für Jahr an die kranke Armuth austheilen, von dieser in aller 
Stille waltenden Humanität wird nichts bekannt." Daher denn 
auch Fr. Hoffmann in seinem gleichfalls erwähnten „medicus 
politicus" ausdrücklich vorschreibt „nee cum tristitia accipiat," 
d. h. man solle, wenn man seinen gerechten Lohn in baarer 
Münze vom Pat. entgegennehme, darüber nicht verstimmt sein. 
Wenn dem so ist, so folgt daraus auch füi' den Arzt die Pflicht 
einer geregelten Buchführung, einer sorgfaltigen Registiirung 
seiner Leistungen. Diese trivial klingende Malinung sollte auch 
Derjenige nicht unbeachtet lassen, der Alles, was mit Rechnung- 
schreiben, Liquidiren und mit der merkantilen Seite des ärzt- 
lichen Berufs zusammenhängt, aufs Tiefste verabscheut und nur 
mit grossem Widerwillen an die Erledigung dieser Dinge heran- 
geht. So sehr wir diese Antipathie theilen und in gewisser 
Beziehung für berechtigt ansehen, so kann doch nicht dringend 
genug auf die Nachüieile aufmerksam gemacht werden, welche 
aus der Vermachlässigung resp. unordentlichen Behandlung der 
öconomischen Verhältnisse für den Arzt entstehen. Ich weiss 
positiv, dass es CoUegen giebt, welche überhaupt keine Rechnungen 
mehr schicken, weil sie dabei zu viel unangenehme Erfahrungen 
von der ündankbarbeit des Publikums gegenüber dem Arzte zu 
machen Gelegenheit gehabt haben und davor zurückschrecken, 
sich diesen unangenehmen Eindrücken immer wieder auszusetzen. 
Indessen das heisst doch entschieden, das Kind mit dem Bade 
ausschütten und ist überdies incollegial; denn dadurch wird die 
Undankbarkeit geradezu gezüchtet; mancher Filz ist so unver- 
schämt, den Arat Jahrelang unbezahlt zu lassen, und die Gering- 
schätzung ärztlicher Leistungen erhält so zu sagen Sanction. 
Man kann nun der ärztlichen Buchführung eine sehr angenehme 
Seite abgewinnen, wenn man ihr einen wissenschaftlichen Bei- 



— 71 — 

geschmack verleiht, d. li. sie, wie allgemein üblich und in den 
betreffenden zahlreich vorhandenen Cassabüchem etc. vorgesorgt 
ist, mit den Aufzeichnungen verbindet, wie sie im Interesse der 
Krankenbeobachtung absolut unumgänglich sind. Man suche 
auch in der gewöhnlichen Landpraxis den Forderungen der 
mssenschaftlichen Klinik möglichst gerecht zu werden, und gebe 
bei der Auswahl eines Krankenjournals demjenig en den Vorzug, 
wo Rubriken für die anamnestischen, diagnostischen und thera- 
peutischen Bemerkungen in grösserem Umfange angelegt sind. 
Wo es angeht, also namentlich bei länger dauernden und fieber- 
haft verlaufenden Krankheiten, mache man die Notizen so voll- 
ständig wie möglich, arbeite hin und wieder in den Mussestunden 
auch einmal eine vollständige Krankengeschichte nach allen 
Regeln der Kunst aus, unter Aufzeichnung von Temperatur- und 
Pulscurven : mit der Zeit sammelt man Material, das für mssen- 
schaftliche Arbeiten gelegentlich Verwerthung finden kann. Von 
grossem Nutzen ist nach dieser Richtung hin überhaupt die sorg- 
fältige Führung eines Tagebuchs, in dem alle wichtigeren Er- 
eignisse, wie sie mitunter in bunter Fülle in dem Leben des 
Arztes sich abspielen, kurz fixirt werden. Auf das Gedächtniss 
verlasse man sich ja nicht, — wer das thut, ist bald verlassen. 
Er wird das besonders empfindlich fühlen, wenn er ein ge- 
legentlich prima vista abgegebenes Attest (Prügelattest oder 
sonstige Bescheinigung) lange nach der Niederschrift vor Gericht 
zu vertreten Veranlassung hat. Will man da nicht Gefahr 
laufen, unter Umständen in Widersprüche mit früheren Behaup- 
tungen zu gerathen, so thut man gut, möglichst den Wortlaut 
des abgegebenen Attestes in seinen wesentlichen Theilen zu 
copiren und diese Copie sich aufzubewahren. Ueberhaupt kommt 
der Arzt noch nach Jahren m die Lage, über früher Erlebtes 
und Beobachtetes, soweit es nicht unmittelbares Amtsgeheimnis 
ist, Auskunft geben, auch in seinem eigenen Interesse sich in- 
formiren zu müssen; manches Datum gewinnt später ungeahnte 
Wichtigkeit für ätiologische Aufschlüsse etc. Je sorgfältiger 
und ausführlicher die betreffenden Notizen gemacht sind, desto 
besser. 

Was nun die weiteren Formalien betrift't, speciell die 
Fragen: wann sollen Rechnungen resp. Mahnungen geschickt 



— 72 — 

werden? Wie oft? Wann und wie soll gerichtlich vorgegangen 
werden? Wann verjähren die Forderungen? Wie hat sich der 
Arzt bei etwaigem Concurs seines Schuldners zu verhalten? so 
handelt es sich dabei, ebenso wie bei den verschiedenen Taxen, 
bei den theils von den CoUegen einer bestimmten Stadt, theils 
von Privatleuten geleiteten Incasso- und Honorareintreibungs- 
Bureau's, um Dinge, die überall von jeweiligen localen Gesichts- 
punkten aus sehr verschieden geordnet sind und sich sehr ver- 
schieden verhalten. Dazu sind die Vereine da, dass der College 
im Schosse derselben die nöthigen Informationen sich holt. 
(Vgl. auch die oben angeführten Satzungen des Karlsruher ärztl. 
Vereins.) Von Dr. med. M. Küster, Freienwalde a. 0., ist 
(I8J)5 in 4. Auflage) ein an Aerzte gratis versandtes „Medici- 
nisches Universal-Album^^ zusammengestellt, in dessen letztem 
Capitel die bezügliche Litteratur über ärztliche Buchführung, 
„Laufzettel" -Journal- und Liquidationsformulare etc. gegeben ist. 
Sie ist sehr reich. Ich nenne at sichtlich keine weiteren Namen ; 
die Auswahl muss je nach dem Geschmacke und den Bedürfnissen 
dem Einzelnen überlassen bleiben. Nur die Bemerkung sei ge- 
stattet, dass die für einige Bundesstaaten eingeführte Selbstein- 
schätzung bei der Steuerveranlagung und die mitunter von den 
Behörden geforderte Beweisführung für die Declaration dem Arzte 
die Nothwendigkeit auferlegen, eine specificirte Aiifeeichnung 
aller für seinen „Gewerbebetrieb" (s. v. v.) entstehenden Kosten 
anzufertigen. Bekanntlich können Ausgaben hierfür, also Fuhr- 
kosten, Porti, Incassogebühren, Telephon, Bedienung, Miethe für 
zwei Zimmer nebst Beleuchtung etc., nothwendige wissenschaft- 
liche Hilfsmittel, Schreibmaterialien, Instrumentarium (von diesem 
jedoch nur die Abnutzungskosten), Lebensversicherungsprämie, 
Unfallversicherungsprämie von den Einnahmen in Abzug gebracht 
werden. Näheres vergleiche in einer, wenn ich nicht irre, von 
einem Breslauer Collegen (Max Kamm) vor einigen Jahren ad 
hoc verfassten Broschüre. Noch möchte ich dem Anfänger in 
der Praxis die Mahnung mit auf den Weg geben, bei Eintreibung 
seiner Forderungen mit kleinen und positiv zahlungslustigen, 
aber finanzschwachen Leuten die allergrösste Nachsicht walten 
zu lassen. 



mt 



IX. 

Verhalten des Arztes im Verkehr mit 
Apotheker, Drogulsten, Chemiker, Heilgehilfe, 

Hebeamme und Knrpftascher. 

Üine bunte Musterkarle von Personen ^ieht da an unserem 
Auge vorüber, mit denen der Arzt amtlich (und ausseramtlich) 
in Berührung kommt. Der Vollständigkeit wegen mögen auch 
hierüber an dieser Stelle einige unmassgebliche Bemerkungen 
nicht fehlen, obwohl bereits aus den früheren Ausfühiiingen der 
Arzt die nöthigen Verhaltungsmaassregeln gegenüber den er- 
wähnten Personen zu abstrahiren im Stande sein dürfte. 

1) Was zunächst den Apotheker betrifft, so ist er meistens 
in erster Linie Geschäftsmann und der Arzt thut gut. ihn mög- 
lichst unter diesem Gesichtswinkel zu betrachten. Vor langen 
Jahren musste ich einmal von einem hiesigen, sehr angesehenen, 
loyalen und verständigen Apotheker die keineswegs in beleidi- 
gender Absicht gemachte Aeusserung hören, die Aerzte verdienten 
deshalb von Seiten der Apotheker besonderes Entgegenkommen, 
weil sie gewissermaassen deren Stadtreisende seien. In der 
That hatte der Herr nicht Unrecht. Man kann sich demgemäss 
denken, dass im Allgemeinen der Apotheker nicht geneigt sein 
wird, an uns den Nihilismus — ich meine den therapeutischen 
— oder etwa die schöne Boerhaave'sche Sentenz: simplex 
sigillum veri, sondern vielmehr ein in seinem Sinne schönes, 
d. h. etwas multiform gestaltetes Recept, wie es noch bis zur 
Mitte dieses Jahrhunderts allgemeiner unter den Aerzten Mode 
war, zu schätzen. Wem also an den Sympathien des Apothekers 
gelegen sein muss, — und ich gestehe zu, dass sie auf dem 
Lande, wo ärztliche Concurrenz existirt, manchem CoUegen sehr 



— 74 — 

nützlich sein können — , der lasse es an einigen Concessionen 
nach dieser Richtung hin, soweit es sich mit dem Geldbeutel 
und der Neigung der Clientel verträgt, nicht fehlen (selbstver- 
ständlich ist davon die Armen- und Kassenpraxis ausgenommen, 
wo die höchste Oeconomie walten muss; vergl. die folgenden 
Capitel). In manchen Gegenden und Schichten der Bevölkerung, 
wo der Arzneiglaube oder Aberglaube noch in voller Blüthe 
steht, wird der Arzt mit Bezug auf diesen Punkt keinen schweren 
Stand haben. In meiner Heimath wurden in früherer Zeit als 
Requisite dafür, dass die Arznei den Beifall des Bauern erwürbe, 
folgende drei Eigenschaften colportirt: 1) die Arznei müsste 
sehr theuer sein (das Billige taugt eben nichts); 2) möglichst 
bitteren oder absonderlichen Geschmack haben; 3) Brechen oder 
Stuhlgang erregend sein. Wo etwa analoge Anschauungen im 
deutschen Reiche noch herrschen sollten haben es Doctor und 
Apotheker besonders gut. Im Uebrigen, rathe ich, schreibe man 
jedenfalls sein Recept in klaren, leserlichen, ich möchte sagen, 
ruhigen (nicht hastigen) Schriftzügen, ohne zu starke Abbrevia- 
turen, damit Verwechselungen vermieden werden, ordinire selbst- 
verständlich keine mit den Gesetzen der Chemie in Widerspruch 
stehenden Compositionen, (wie etwa infus, flor. sulfuris oder 
acid. mur. und natr. bicarb. in einem Recept oder ähnliches) 
und wo die Verordnungen die erwartete Wirkung versagen, 
da beschuldige man nicht etwa leichtfertig den Apotheker, 
dass er minderwerthige Droguen gebraucht habe. Hat man 
irgend eine Differenz mit dem Apotheker auszugleichen oder 
ein Monitum zu ziehen, so hüte man sich ganz ernstlich 
davor, dies etwa mündlich durch den Patienten selbst dem 
Apotheker hinterbringen zu lassen, sondern man verhalte sich 
auch da mit grabesähnlicher Discretiou und einige sich darüber 
persönlich mit dem Apotheker schriftlich oder mündlich. Soweit 
als irgend möglich befleissigt^ man sich dabei eines concilianten 
Winsens (suaviter in modo!). Ebenso richte der Arzt an den 
Apotheker das Ersuchen, in gleicher Weise sich mit ihm vor- 
kommenden Falls zu V(TStändigen, und bedenke, dass die Apotheker 
besonders auf dem Lande bei der Bevölkerung nicht selten eine 
<re wisse superarbitrirende Autorität über die ärztlichen Ordinationen 
gemessen, so dass mitunter ein leichtes Achselzucken, ein eigen- 



— 75 — 

thümliches Mienenspiel schon ohne jedes Wort genügt, bei dem 
Patienten gegen den Arzt Misstranen zu erzeugen. Leider liegen 
die Dinge einmal so, dass unser Ruf vielfach vom Apotheker, 
von jeder Vettel im Grünkramladen, in der Budike etc. gemacht, 
aber auch vernichtet werden kann. Also cavete! 

•2) Dasselbe gilt von dem Kurpfuscherthum der Apotheker 
und Droguisten, das in den meisten Orten noch in lebhaftester 
Blöthe steht. Hiergegen kann ich nur den dringenden Rath er- 
theilen, sich absolut passiv zu verhalten, knrpfuscherisches Treiben, 
wo es auch immer entgegentritt, vornehm ju ignoriren und die 
Menschen zu nehmen nicht wie sie sein sollen, sondern wie sie 
sind. Mögen der beamtete Arzt, der Kreisphysikus, die Polizei 
ihres Amtes walten, der einfache Practiker thut gut, dies 
Wespennest unangetastet zu lassen. Wir sind gegen Kur- 
pfuscher fast ohnmächtig, so lauge sogar höheren Orts ab und 
zu Begünstigungen vorkommen und unser Volk systematisch 
schon von Jugend auf zum Wunder- und Aberglauben erzogen 
wird. Nebenbei bemerkt, ist jeder Patient, resp. dessen Ange- 
hörige, wie ich schon in einem der früheren Capitel hervorhob, 
nicht bloss somatisch leidend, sondern auch meist psychisch unzu- 
rechnungsfähig und geneigt, wie der Ertrinkende, sich an einen 
Strohhalm zu klammem. Gegen diese Art von Dummheit kämpfen 
wirklich die Götter selbst vergebens. Der Practiker, der die 
Initiative zur Verfolgung eines Kurpfuschers ergreift, schafft 
sich eine Reihe von Verdriesslichkeiten, persönliche Feindschaft 
dieser Elemente und erreicht das gerade Gegentheil seiner Ab- 
sicht, indem der Zulauf noch ein grosserer und der betreffende 
Heilkünstler noch mit dem Gloriolenschein des Martyriums be- 
leuchtet wird. — Dass es standesunwürdig ist, lucri causa mit 
einem beschäftigten Kurpfuscher gemeinschaftliche Sache zu 
machen, pich zu einer Assistenz herbeizulassen, für ihn die Todten- 
schau zu besorgen, oder sonstige gesetzliche Munera zu über- 
nehmen, zu denen nur ein Arzt berechtigt ist, also gewisser- 
maasseii jenen in seinem gefährlichen Treiben zu decken und zu 
unterstützen, ist so selbstverständlich, dass es beleidigend 
für die Mehrheit der Aerzte wäre, wenn ich darüber noch 
ein weiteres Wort verlöre. Glücklicherweise kommt der 
Fall, dass ein Arzt zu so schnödem Schacher, zu so tiefer 



— 76 — 

Herabwürdigung seiner Standesehre herabsinkt, nur äusserst 
vereinzelt vor. 

8) Grosse Vorsicht ist gegenüber den zahlreichen, jetzt wie 
Pilze aus der Erde hervorspriessenden Heilmittelfabrikanten ge- 
boten, welche von Zeit zu Zeit Aerzten Proben ihrer neaen 
Entdeckungen mit der Aufforderung zugehen lassen, die betreffen- 
den Präparate am Krankenbette zu verwenden und über die 
damit gemachten Beobachtungen und Erfahrungen zu berichten. 
Man hüte sich vor irgend einer Schwäche hierbei, beantworte 
die Fragen, wo man es nicht vermeiden kann, mit einfacher 
Empfangsbestätigung, resp. mit ganz allgemeinen Wendungen 
und verbitte sich vor allen Dingen jede missbräuchliche Publi- 
cation seines Namens bei Reclame-Anzeigen in irgend einer Form. 
Ist man nicht sicher, dass das Verbot Beachtung findet, so lasse 
man sich überhaupt zu keiner Correspondenz herbei. Wer ein 
Gefühl für Honorigkeit hat, muss auf's Tiefste depiimirt sein, 
wenn er hinterher seinen Namen in den öffentUchen Blättern in 
einem grossen Masseninserat sozusagen an den Pranger gestellt 
sieht. Ich will Namen und einzelne unliebsame Vorkommnisse 
der letzten Zeit hier nicht erwähnen, nur zu Nutz und Frommen 
der jüngeren, mit den Verhältnissen noch nicht vertrauten 
Generation, speciell vor einer Firma als Typus der Illoyalität 
nach dieser Richtung hin warnen, welche in raffinirtester Weise 
es verstanden hat, die Namen einer grossen Reihe von Aerzten 
zu Reclamezwecken missbräuchlich heranzulocken, nämlich die 
Firma Flügge & Co. in Frankfurt a. M. für ihre Fabrikate: 
Myrrhen-Creme und Myrrholin-Seife. Glücklicherweise ist die 
Irreführung der öffentlichen Meinung, resp. die Beeinträchtigung 
der Gesundheitspflege hierbei fast gleich zu setzen, da es 
dch eben um rein äusserliche Präparate handelt. Schwer- 
wiegender ist der Schade, der durch unberechtigte und leicht- 
fertige Empfehlung von innerlichen Mitteln, besonders diätetischen 
Präparaten entsteht. 

4) Was nun den ärztlichen Verkehr mit Heilgehilfen und 
Hebeammen betrifft, so ist schon mancher College materiell nicht 
schlecht gefahren, der es geschickt verstanden hat, sich an die 
Rockschösse dieses niederen Heilpersonals zu hängen. Indessen 
der Mensch lebt nicht vom Brote allein — ich kann nur dringend 



— 77 — 

davor warnen, irgendwie auf die Propaganda, auf die Protection 
seitens Hebeammen mid Heilgehilfen direct hinzuarbeiten; es ist 
entschieden eines ehrenhaften Arztes nicht wfirdig, sich solcher 
Mächte zu seinem Fortkommen bewusst und intentionell zu be- 
dienen. Andererseits aber empfehle ich da, wo der Beruf den 
Arzt mit diesen Personen zusammenfuhrt, ihnen gegenüber ein 
möglichst friedfertiges und conciliantes, sozusagen gönnerhafte» 
Verhalten. Man braucht eben nicht in das andere Extrem zu 
verfallen und partout auf Kriegsfuss mit diesen Elementen zu 
stehen, wie das auch thörichterweise hier und da geschieht, 
sondern ignorii*e etwaige Uebergriffe derselben nach der kur- 
pfuscherischen Seite vornehm und ziehe auch da die nöthigen 
Monita in discretester Form: vor Allem rectificire man die 
Verstösse nie in Gegenwart von Laien oder sonstigen dritten 
Personen. Im Uebrigen ist jede Vertraulichkeit mit niederem 
Heilpersonal unter Umständen geradezu gefährlich. So viel über 
diesen Punkt. 



X. 

Stadt- und Landarzt. 

ich wende mich nunmehr zu einigen specielleren ärztlich- 
deontologischen Betrachtungen und bespreche zunächst das Ver- 
hältniss von Stadt- und Landarzt in aller Kürze. In der Art 
und Intensität der technischen sowohl, wie der socialen Ver- 
pflichtungen unterscheidet sich die Stadt-, d. h, die Grossstadt- 
praxis von der ländlichen doch recht erheblich, unter manchen 
Verhältnissen so sehr, dass kaum eine Aehnlichkeit wahrzunehmen 
ist. Ist auch im Durchschnitt der Stadtarzt keineswegs auf 
Rosen gebettet und lässt auch namentlich seine materielle und 
gesellschaftliche Stellung Manches zu wünschen übrig, so muss 
dennoch die Praxis in der Grossstadt im Vergleich zur Thätig- 
keit auf dem Lande zweifellos als ein wahres Eldorado ange- 
sehen werden. Die einzige Schattenseite in der ersteren ist die 
Nothwendigkeit, oft täglich eine grosse Zahl von Treppen steigen 
zu müssen; welche Anforderupgen damit an die Herzthätigkeit 
erwachsen, davon weiss mancher beschäftigte College in der 
Grossstadt ein Lied zu singen, ich meine natürlich ein Klagelied. 
Es kann daher nicht ernstlich genug die Mahnung beherzigt 
werden, namentlich von dem CoUegen, den sein Beruf fast aus- 
schliesslich in die Miethskasemen der Proletarier führt, recht 
bedächtig beim Treppensteigen zu verfahren; die kleinsten 
Minima von Noxe summiren sich hier im Laufe der Zeit in 
Folge gewohnheitsmässigen stürmischen Aufstieges bis in die 
höhei'en Stockwerke, wie das manchen hastigen Temperamenten 
eigen ist, schliesslich zu schwerer Schädigung: sie itihren zu 
Insufficienz und anderen Aflfectionen des Herzens und bedingen 
relativ frühzeitige Invalidität. Im Uebrigen aber bietet das 
Stadtleben gerade dem Arzte so viel Vorzüge, dass es nicht 



— 79 — 

Wunder nehmen darf, wenn auch jüngere CoUegen mit Vorliebe 
der städtischen Praxis sich zuwenden, trotz des relativ schwereren 
ConcuiTenzkampfes, der ihrer dort harrt. Der Stadtarzt kann 
und muss sogar einer grösseren Regelmässigkeit in seinem ganzen 
Leben sich befleissigen; er hält eine bestimmte Sprechstunden- 
zeit, eine bestimmte Visitenzeit für seine Kranken inne, er kann 
sich ohne Verletzung der Humanität und ohne Bedenken in 
Bezug auf sein materielles Fortkommen, d. h. ohne Schaden für 
seinen Ruf der Nachtpraxis entziehen, weil er in dieser Hinsicht 
durch zahlreiche Institutionen (Unfallstationen, Sanitätswachen, 
Krankenhäuser) entlastet ist, er kann sich entschieden dem 
Familienleben (der Erziehung seiner Kinder etc.) mehr und regel- 
mässiger widmen, er kann coUegialen Verkehr pflegen, sich 
am wissenschaftlichen (Vereins-) Leben, wenn er durchaus will 
auch an politischen u. a. volksbelehrenden Versammlungen be- 
theiligen, durch Besuch von geistig anregenden Vergnügungs- 
stätten (Concerten und Theatern) bei der Einseitigkeit und den 
somatischen Strapazen des Berufs sich eine wohlthuende, er- 
frischende Compensation angedeihen lassen; er ist hinsichtlich 
der coUegialen Assistenz, der Berathung nie in Verlegenheit; 
die besten Kräfte stehen ihm in schwierigen Fällen fast unmittelbar 
zur Seite, ebenso sind Instrumentarium und Litteratur schneller 
erhältlich; wo sein Können nicht ausreicht, da sind Specialcollegen. 
mitunter schaarenweise, zur Hilfe bereit. Scherzweise hat man 
sogar- gesagt, dass die Thätigkeit mancher Hausärzte in den 
grossen Städten, besonders in den Kreisen der oberen Zehn- 
tausend, lediglich in der Uebung der diagnostischen Kunst be- 
stehe, den richtigen Specialarzt für die jedesmalige Krankheit 
zu ermitteln. Für manche Fälle verhält es sich in der That so: 
übrigens ist auch das nicht immer so leicht. Im Grossen imd 
Ganzen ist allerdings auch der Stadtpractiker, wenn er nicht in 
einem Fache Hervorragendes leistet, auf die gemischte Praxis 
angewiesen. Das Proletariat, von dem jetzt soviel im ärztlichen 
Stande (und mit Recht) die Rede ist, rührt zum Theil daher, 
dass manche Coilegen der grossen Städte eben nur einseitig 
geschult, und oft in der Lage sind, chirurgischer und gynäko- 
logischer Praxis nicht mit Wünschenswerther Sicherheit und 
Gewandtheit obzuliegen, so dass ihnen ein Theil des Materials 



— 80 — 

dadurch verloren and zu den Polikliniken resp. zu den Special- 
ärzten übergeht, die sich ihre Leistungen ausgezeichnet honoriren 
lassen. Ich bin der Meinung, dass bei dem heutigen, unleugbar 
schwereren Concurrenzkampf auch der Grossstadtarzt, will er 
nicht dem Proletariiit schliesslich verfallen und nur einiger- 
maassen kampffähig sich erhalten, in allen Sätteln gerecht sein 
muss. — Dies ist eo ipso beim Landarzt Conditio sine qua non, 
schon wegen der localen Verhältnisse; trotz der günstigeren 
Verkehrsbedingungen der Neuzeit ist die Herbeischaffung sach- 
verständiger specialistischer Assistenz immer noch mit Schwierig- 
keiten, Zeitverlust und erheblicheren Geldopfem verknüpft. Wie 
oft kommt es ausserdem gerade auf rasches Handeln an ; Tracheo- 
tomien, Hemiotomien etc. dulden manchmal keinen Aufschub. 
Der Landarzt muss da oft unter den primitivsten Verhältnissen 
eingreifen. Das erfordert an sich schon, abgesehen von der 
steten instrumenteilen Kriegsbereitschaft, auch gewisse Character- 
eigenschaften, Muth bis zur Kühnheit, Selbstvertrauen, bedeutende 
technische Gewandtheit, wie sie selbst manchem Professor ab- 
geht, der unter den bequemsten Bedingungen in aller Ruhe wie 
ein grand seigneur, nicht einmal im Gefühl schwerer Verant- 
wortlichkeit bei Misserfolgen arbeitet; diese können den Land- 
ai*zt dagegen unter Umständen in unangenehme Berührung mit 
der Staatsanwaltschaft bringen. Dazu kommt, dass das materielle 
Aequivalent den Bemühungen nicht immer entspricht. Die phy- 
sischen Strapazen des Landarztes sind bekanntlich nicht gering. 
Bei Wind und Wetter muss er oft meilenweite Touren auf 
schlechtem Gefährte, auf holprigen Wegen zurücklegen; der 
Nachtpraxis kann er sich trotz der Gewerbefreiheit nicht in 
dem Maasse wie der Stadtarzt entziehen, das würde ihm als 
schwere Pflichtwidrigkeit, Inhumanität etc. zur Last gelegt 
werden und seinen Ruf in nicht wieder gut zu machender Weise 
schädigen. Um seine Familie kann sich der Landarzt wenig 
kümmern, oft muss er die Kinder in die Pension schicken. 
Auch sonst ist seine Lebenshaltung wegen der socialen Ansprüche, 
die gerade an den Arzt in den kleinen Städten gemacht werden, 
unvergleichlich kostspieliger; es erwachsen da für ihn wegen 
der vertrauteren gesellschaftlichen Beziehungen, in denen er mit 
seinem Clientenkreia lebt, Verpflichtungen repräsentativer Natur,. 



— 81 — 

denen sich der Arzt in den grösseren Städten, wenn er sonst 
will, vollständig entziehen kann. Erschwerend fnr das Leben 
und die Stellang des Landarztes sind die leider oft sehr uner- 
quicklichen Collegialitäts- oder besser gesagt, Incollegialitätsver- 
hältnisse. Selten lautet hier die Devise „Suum cuique", sondern 
meist „Jeder für sich". Die individuelle Sonderung, genannt 
Egoismus, nimmt hier zuweilen die ki*asseste Gestalt an. Das 
zum grossen Theil in ärztlichen Dingen ungebildete Publikum 
der kleineren Städte hat mitunter nichts Besseres zu thuu, als 
die Zwietracht zwischen den Aerzten durch Klatsch und Intrißuen 
aller Art zu fördern und der bestialischen Schadenfreudigkeit 
eine gewisse Genugthuung zu bereiten, indem es seine kleineu 
und grossen Bosheiten auch an den Aerzten ausübt. — Wer auf 
die Landpraxis aus äusseren oder inneren Gründen angewiesen 
ist, thut jedenfalls gut, von Zeit zu Zeit für einige Wochen sich 
gewaltsam aus derselben loszureissen, durch Besuch der Univer- 
sitätsstädte, durch Theilnahme an Feriencursen, an grösseren 
wissenschaftlichen Vereinigungen, Congressen etc. leinen Geist 
aufzuMschen, sich auch physisch zu erholen, und, wie jener Held 
der Sage durch Berührung mit der academischen Muttererde, 
aus dem belehrenden und anregenden Umgang mit Collegen und 
klinischen Lehrern, aus dem Studium der Sehenswürdigkeiten 
auf dem Gebiete von Kunst und Wissenschaft, aus dem Aufent- 
halt in hauptstädtischer Atmosphäre neue Kräfte für seineu 
mühevollen Beruf heranzuziehen. Solche Unterbrechung und Ab- 
wechslung seines gewohnten Einerlei möchte dem angestrengten 
Landarzt als eine wahre Wohlthat zu empfehlen sein. Selbst- 
verständlich sollte er die Betheiligung am coUegialen Yereins- 
leben, resp. den Besuch der bezüglichen Versammlungen erst 
recht für unentbehrlich ansehen. 



Pagel, Medicinische Deontologie. 6 



XL 

Der Armenarzt. 

Der Arzt ist der berufenste Anwalt und Helfer der Armen. 
Mit der Dach- und Kellerpraxis fangen wir alle an, und ofr 
kommt Mancher sein ganzes Leben lang nicht Aber sie hinaus. 
Auch bei massiger und in vornehmeren Kreisen beschäftigten 
Collegen besteht ein Theil, mitunter gewiss nicht viel weniger 
als ein Drittel der Clientel aus sogenannter Armenpraxis, d. h. 
aus säumigen oder direct zahlungsimpotenten Familien; ja es 
giebt leider nicht wenig besser Situirte, wo wir daran gewöhnt 
sind, die völlige Ignorirung unserer Liquidationen mit in Kauf 
nehmen zu müssen. Wollen wir uns nicht persönlicher Feind- 
schaft und indirectem materiellen Schaden aussetzen, so bleibt 
nichts anderes übrig, als nicht bloss ein, sondern mitunter alle 
beide Augen zuzudrücken. Nur wenige Aerzte sind wohl von 
diesem Fatum ausgenommen; zahlungsunlustige resp. unfähige 
Elemente bilden fast bei allen Collegen, namentlich den in den 
peripheren Theilen der grossen Städte oder in kleineren Beamten- 
kreisen practicirenden, gewissermaassen das Stroma der Praxis. 
Ln Folgenden soll aber nicht von dieser Art von verschämten, mit- 
unter sehr unverschämten Annenkranken die Rede sein, sondern 
von denjenigen, die in das Bereich der polizeilichen, der com- 
mnnalen Armenpflege fallen. Jede Gemeinde ist bekanntlich 
gesetzlich angehalten, den der öffentlichen Armenpflege anheim- 
gefallenen Personen in Krankheit auch freie ärztliche Behandlung 
und Medication resp. besondere Verpflegung zu gewähren. In 
den kleineren Communen ist die Sorge für diese Angelegenheit 
gewöhnlich so erledigt, dass der oder die betreffenden ansässigen 
Aerzte, soweit sie überhaupt dazu geneigt sind, die Armenpraxis 



— 83 — 

gegen ein entsprechendes Entgelt unter sich theilen. Im Ganzen 
handelt es sich dabei um eine den geringfügigen Pflichten an- 
gemessene minimale Einnahmequelle. Anders steht die Sache 
in grösseren Gemeinden. Hier hat die für diese Zwecke aus- 
geworfene Entschädigungssumme mitunter eine so respectable 
Grösse, dass der Anfänger in der Praxis damit schon rechnen 
kann. Aber gemäss dem relativ höheren Gehalt ist auch die 
Inanspruchnahme des Arztes besonders in den ärmeren Vierteln 
eine intensivere. Einen Vorzug dieser Stellungen bildet die 
Thatsache, dass sie dem jungen Practiker neben der mannig- 
fachen Gelegenheit zu Erfahrungen, zur Einübung des Gelernten, 
zur Bereicherung des Wissens und Könnens auch die Möglichkeit 
bieten, relativ schneller zu einer bescheidenen Privatpraxis zu 
gelangen. Mit Eecht gehören daher die Communalai^stellen 
zu den beliebteren und viel umworbenen. — Die dem Armenarzt 
als solchem obliegenden besonderen Pflichten sind einerseits ge- 
setzlich festgelegt (vergl. Wernich: „Zusammenstellung der 
giltigen Medicinalgesetze Preussens" p. 55 ff.), andererseits in 
grösseren Communen durch besondere, den jeweiligen localen 
Verhältnissen angepasste Instructionen (z. B. auch hier in Berlin) 
geregelt. Diese allgemein giltigen gesetzlichen Bestimmungen 
und besonderen Vereinbarungen vorzuführen, liegt nicht in der 
Tendenz dieser Schrift (vergl. die Anmerkung zu Abschnitt IV). 
Ebensowenig kann es meine Aufgabe sein, den Collegen die 
besonderen technischen Anforderungen an's Herz zu legen, welche 
am Krankenbette an sie zu stellen sind. Ich habe bisher ge- 
glaubt, dieser und ähnlicher Hinweise, wie z. B. der Empfehlung 
sehr gründlicher localer Untersuchungen am ganzen Organismus 
zwecks Diagnosestellung etc., entrathen zu können. Aber gerade 
sub voce „Armenpraxis^ sei es mir doch ausnahmsweise gestattet, 
diese ärztliche Pflicht noch besonders zu urgiren, weil erfahrungs- 
gemäss hier, wie überhaupt bei allen von vornherein mit fixirtem 
Gehalt dotirten Aemtern (auch bei den Kassenärzten) am meisten 
gewisse Menschlichkeiten in Bezug auf die Diagnose passiren. 
So mancher, nebenher noch in anderweitiger Praxis stark in 
Anspruch genommene College ist nur allzuleicht geneigt, die 
Pauperes als corpora vilia anzusehen und sie etwas schablonen- 
haft zu untersuchen. Ganz abgesehen von der Pflichtwidrigkeit 

6* 



— 84 — 

ist auch nichts mehr geeignet, den Ruf des Arztes mit der Zeit 
überhaupt zu schädigen. Man verfahre also in dieser Beziehung 
mindestens mit derselben Sorgfalt, wie in der Privatpraxis, man 
besuche auch die Kranken, so oft es der Zustand (nach ärzt- 
lichem Wissen und Gewissen) erfordert, und worauf es vor Allem 
ankommt, trotz der öfteren Mephitis schrecke man nicht davor 
zurück, die Bettdecke bis zur grossen Zehe und bis zum Anus 
zu lüften, um sich den Kranken giündlich anzusehen, damit ge- 
wisse Lapsus diagnoseos, die in der Armenpraxis besonders 
häufig mit unterlaufen, vermieden werden, damit man nicht ohne 
Weiteres beim Erbrechen einen Magencatarrh annimmt, während 
es sich vielleicht um Meningit. tuberc. oder um eine kleine in- 
carcerirte Hernie bandelt, oder damit man nicht sich mit Dia- 
gnosen, wie „Erkältuugsfieber'*, „Status febrilis** etc. begnügt, 
in Fällen, wo an einer versteckten Partie der behaarten Kopt- 
haut oder der unteren Extremität bei genauerem Zusehen die 
ersten Anfänge eines Erysipels, einer Lymphangoitis bereits zu 
entdecken gewesen wären. Man greife also auch in der Armen- 
praxis energisch ein, scheue sich nicht, bei ungünstigen Licht- 
verhältnissen eine kleine Revolution in der Wirtbschaft vorzu- 
nehmen, indem man mangels künstlicher Beleuchtung das Bett 
des Kranken höchst eigenhändig in eine der Untersuchung 
günstigere Position rückt etc. Dabei gehe man aber nicht mit 
Ungestüm und im Unterofftciers- oder Schulmeisterton vor, 
sondern verliere seine Ruhe, Geduld und Sanftmuth nie, und 
richte überhaupt sein Verhalten so ein, dass der Kranke nicht 
den demüthigenden Eindruck gewinnt, als ob er wegen seiner Be- 
dürftigkeit der Willkür des Arztes preisgegeben sei; vielmehr 
soll er und die Umgebung die Empfindung haben, dass der Arzt 
in Allem redlich und ernstlich bemüht ist, zum Wohl des Kranken 
alle Mittel anzuwenden. Den Pauperes gegenüber ist dieser 
Modus procedendi deshalb so wünschenswerth, weil sie a priori 
geneigt sind, den Armenarzt mit einem gewissen Misstrauen zu 
betrachten. Daher denn auch vielfach seinen Anordnungen 
hygienisch-diätetischer Natur mit ungünstigen Vornrtheilen, mit 
Indolenz und passivem Widerstreben begegnet wird. Erreicht 
man übrigens durch entschiedenes und energisches Auftreten, 
durch die Anordnungen von Reformen in Bezug auf den Haus- 



— 85 — 

halty dass der Eranke, um diesen Neuerungen sich nicht fUgen 
zu müssen, die unter vielen Umständen für ihn zuträglichere 
Hospitalbehandlung vorzieht, — um so besser für alle Be- 
theiligten. Im üebrigen hat man sich selbstverständlich in der 
Armen- (wie auch in der Kassen-) Praxis in Bezug auf die 
medicamentösen Ordinationen der grössten Oekonomie zu be- 
fleissigen und lege sich auch sonst im Verkehr mit den Ärmen- 
kranken, bei der Unterhaltung etc. die allergrösste Reserve auf. 
Jedes überflüssig freundliche Wort ist von dem beamteten Armen- 
arzt mit Fleiss zu vermeiden, denn es kann unter Umständen 
der Commune kostspielig werden; die Armen, die nichts zu ver- 
lieren, aber fast immer recht viele Wünsche auf dem Herzen 
haben, werden durch allzu grosse Liebenswürdigkeit des Arztes 
leicht verfuhrt, mit ihren Ansprüchen dreister hervor- und über 
das erfüllbare Maass hinauszutreten. Manche sind der Ansicht, 
sie müssten durch vieles Klagen und Lamentiren an das Mitleid 
des Aiztes appelliren und ihn schliesslich mürbe machen. Es 
bedarf aber für den verständigen Arzt dieser subjectiven Expec- 
torationen des Kranken gewiss nicht; die Diagnose der Armuth 
liest der Arzt meist direct vom Leibe herunter, oft schon prima 
vista, und ob und wo wirklich Noth und Elend herrscht, das 
entdeckt der Arzt von selbst bei seinen Untersuchungen und 
Besuchen am Habitus des Kranken und an den ihn umgebenden 
Verhältnissen. Erfahrungsgemäss ist der am wenigsten Be- 
dürftige oft am nachdrücklichsten und unverschämtesten mit seinen 
Ansprüchen, während der wirklich Nothleidende in der Mehrzahl 
der Fälle sich bescheiden und gedrückt verhält — Bei aller 
Zurückhaltung hat sich aber selbstverständlich der Arzt vor 
grobem und abschreckendem Auftreten besonders zu hüten: be- 
rechtigten Klagen und Wünschen gegenüber documentire der 
Armenarzt die grösstmöglichste Hilfsbereitschaft in Verbindung 
mit ruhigem und gelassenem Wesen und sei dabei nicht kurz 
angebunden. Der Zauber der Buhe, die als Kraft imponirt, 
muss stets über der Thätigkeit des Arztes walten; in keiner 
Situation darf man bei dem letzteren Gelassenheit und Sanft- 
mut des Wesens vermissen. Denn wie es in den Wald hinein- 
schallt, so schallt es wieder heraus. In vorderster Linie 
bleibt auch der besoldete Armenarzt immer Arzt und Mensch, 



— se- 
in zweiter Reihe sei er erst Communalbeamter ; die Inter- 
essen der Gemeinde gegen übertriebene Forderungen der 
Pauperes zu schützen, ist Sache der dazu berufenen beson- 
deren Verwaltungsorgane. Man bedenke, dass oft der Armen- 
arzt die erste und einzige Vertranensinstanz für den un- 
glücklichen Kranken bildet, hier muss dieser sein Herz 
voll und ganz ausschütten können. Je mehr übrigens in 
hygienischer und diätetischer Beziehung für die Armen geschieht^ 
desto besser ist es mit der Hygiene der ganzen Commune bestellt. 
Jene wohnen mit uns, besonders in den vorstädtischen Quartieren, 
meist unter einem Dach. Leben sie nun unter gar zu un- 
günstigen Ernährungsbedingungen, so sind sie auch leichter zu 
Erkrankungen disponirt, und bei Epideroieen bilden gerade sie 
eine gleichzeitig für die übrigen Bewohner gefährliche Seuchen- 
quelle resp. einen Seuchenherd. Aufgabe des Communalarztes ist 
es, diesen Gesichtspunkt gegenüber filzig beschränkten und krämer- 
haft engherzigen Magistratualen zu betonen, für seine Kranken 
mit Nachdruck bei den Behörden einzutreten und ausgiebigere 
Versorgung für sie durchzusetzen, als zum blossen Schutz vor 
dem Hungertode hinreicht. Beiläufig bemerkt nimmt die Berliner 
Armenverwaltung in dieser Beziehung einen durchaus hoch- 
herzigen Standpunkt ein, der den Bestrebungen eines von seinen 
Humanitätspflichten durchdrungenen Armenarztes keine amtlichen 
Schwierigkeiten bereitet. 



XII. 

Der Kassenarzt 

Die Behandlung von sogen. Kassenkranken — was unter 
dieser Bezeichnung zu verstehen ist, weiss jeder College — be- 
ginnt neuerdings in der Thätigkeit des jüngeren Arztes eine viel 
grössere Rolle zu spielen, als das früher der Fall war. Durch 
die reichsgesetzliche Regelung der Arbeiterversicherung (Haft- 
pflicht, Unfall- und Krankenversicherung, vgl. Gutt Stadt: „Das 
Deutsche Medicinalwesen", p. 87 ff.) ist die Krankenversicherung, 
die früher nur eine beschränkte und zum Theil freiwillig organi- 
sirte war, auf alle dem Arbeiter- und Gehilfen stand angehörigen 
Personen ausgedehnt und damit dem Privatarzt unzweifelhaft 
ein grosses Material seiner Thätigkeit entzogen worden. Eine 
Erweiterung auf die Familien der versicherungspflichtigen Per- 
sonen steht noch bevor, an einigen Orten hat sie bereits statt- 
gefunden. Damit wird die Einengung des Arbeitsfeldes für viele 
Aerzte noch grösser werden. So segensreich die oben erwähnten 
legislatorischen Massnahmen für die grosse Masse der Personen 
aus dem niederen Arbeiterstand sind, so ist doch durch Aus- 
dehnung auf einige besser situirte Bevölkerungsklassen meines 
Erachtens mit der guten Absicht dabei weit über das Ziel hinaus 
geschossen, und da leider der ärztliche Stand fast ausschliesslich 
die Kosten dieser Neuerungen durch materielle Einbussen tragen 
muss, so erscheint es zum mindesten entschuldbar, wenn sich 
eine grosse Anzahl von CoUegen auf den Standpunkt des kleineren 
Hebels gestellt und durch eifrige Agitation für die sogenannte 
freie Arztwahl gesucht hat, die unangenehmen Folgen der Reichs- 
versicherungsgesetzgebung wenigstens einigermassen zu paraly- 
siren. Ohne in den Streit, der über diese noch in vollem Fluss 
befindliche Angelegenheit entbrannt ist, mich hier einmischen zu 



- 88 — 

wollen — in Berlin hat bekanntlich das Princip bereits durch 
Einführung der sogenannten beschränkt freien Arztwahl gesiegt—, 
so möchte ich wohl jedenfalls keinem Widerspruch mit der Be- 
hauptung begegnen, dass es wünschenswerth erscheint, so viel 
Aerzte als nur irgend möglich an der Behandlung von Kassen- 
patienten participiren zu lassen. Gelingt das, so folgt daraus 
auch die Noth wendigkeit für die grosse Mehrzahl der CoUegen, 
sich specieller über diejenigen Pflichten zu instruiren, die dem 
Kassenarzt kat exochen obliegen. Zunächst gilt auch hier 
manches von dem, was bereits im vorigen Kapitel XI vom 
Armenarzt gesagt wurde. Es bestehen, abgesehen von den allge- 
meinen reichsgesetzlichen Bestimmungen, deren eingehendes Studium 
sich selbstverständlich jeder einzelne zur Behandlung von Kassen- 
kranken berufene College angelegen sein lassen muss, überall 
besondere locale Instruktionen, nach denen man sich streng zu 
richten hat, wenn schwere ökonomische Beeinträchtigungen der 
Kasse auf der einen Seite und Schädigungen des Wohls des 
Versicherten auf der anderen Seite vermieden werden sollen. 
Auch der Kassenarzt muss die Regeln der Pharmacopoea oeco- 
nomica genau beachten, er muss sich im Verkehr mit. den Kranken 
gleichfalls eine gewisse Eeserve bezüglich der Concession mancher 
Wünsche auferlegen, er muss noch viel sorgfältiger und pein- 
licher in der Untersuchung und Behandlung sein, als das z. B. 
bei den ohnedies erwerbsunfähigen und im bürgerlichen Leben 
nicht mehr recht verwendbaren Almosen-Empfängern der Fall 
ist. Bei den Kassenkranken handelt es sich meist um die Noth- 
wendigkeit, die Arbeitsfähigkeit so schnell als möglich wieder 
herzustellen und den Familien ihren Eiiiährer zu erhalten. In 
Eücksicht darauf, dass ein grosses Contingent von Arbeiter- 
krankheiten die Unfälle, Traumen etc. stellen, muss der Kassen- 
arzt ceteris paribus besonders gewandt und geübt in der 
chirurgischen Diagnostik und Therapeutik sein. Für alle aus 
Kunstfehlern entstehenden materiellen Schädigungen des Patienten 
(z. B. bei unterlassener oder schlechter Reposition einer Luxation 
etc.) haftet der Arzt auch civilrechtlich mit seinem eigenen Geld- 
beutel. Verantwortlich ist der Arzt ferner für rechtzeitige Ent- 
larvung von Simulanten, die gerade unter den Kassenkranken 
stets in beträchtlicher Zahl vertreten sind, mitunter recht raffinirt 



— 89 — 

zu Werke gehen und in einer Zeit der allgemeinen Arbeits- 
losigkeit die Finanzen der Kasse schwer schädigen. Namentlich 
dnrch das Haftpflichtgesetz ist das Simniantenthum, ja unzweifel- 
haft auch der Leichtsinn bezüglich des Selbstschutzes gegen 
Unfälle bei der Arbeit und die Neigung, absichtlich sich einem 
Unfälle auszusetzen, förmlich gezüchtet worden. Für alle solche 
Fälle muss dem Kassenarzt ein grosses Maass von Sach- und 
Menschenkenntnisse Scharfsinn und psychologischem Takt zur 
Verf&gung stehen, um hier die richtige Entscheidung zu treffen 
und Schädigungen der materiellen Interessen der Berufsgenossen- 
schaften zu vermeiden. Nicht geringe Schwierigkeiten bereitet 
mitunter die genaue Feststellung des Grades der Erwerbsfähig- 
keit. Auch dieser Punkt gehört zu den öfteren Obliegen- 
heiten des Kassenarztes. Da handelt es sich dann meist um 
die Ausarbeitung längerer Krankengeschichten und motivirter 
Gutachten, Dinge, zu denen ebensowohl grosse Uebung wie 
genaue Fachkenntniss gehört. Ueber alle auf diese Materie 
bezüglichen Einzelheiten existirt bereits eine in jüngster Zeit 
gewaltig und zu unübersehbarer Fülle angeschwollene Litte- 
ratur, ja sogar einige eigens der Erörterung der hier in 
Betracht kommenden Verhältnisse gewidmete Zeitschriften 
(für Unfallheilkunde und Sachverständigen -Zeitung) Ich kann 
selbstverständlich hier nicht einzelne besonders brauchbare 
Bücher herausgreifen, die ganze Litteratur erst recht un- 
möglich anführen, so genüge denn dieser kurze, allgemein 
empfehlende Hinweis auf die informatorischen Quellen, deren 
gründliches Studium für den Kassenarzt ex professo absolut un- 
entbehrlich ist. An dieser Stelle kann ich es mir aber nicht 
versagen, ein kräftiges Mahnwort bezüglich des Attestwesens 
mit einzuflechten. Bekanntlich ist jeder Arzt 2ur Ausstellung 
von Attesten und Gutachten berechtigt und kann es verlangen, 
dass sie von den Behörden respectirt werden. Bis auf wenige 
Ausnahmen, wo sogenannte Physicatsatteste unumgänglich sind, 
geschieht das auch. Um so mehr ist es Pflicht jedes einzelnen 
Arztes, dieses Privilegium nicht zu missbrauchen und gerade bei 
schriftlichen Begutachtungen streng nach bestem Wissen zu 
verfahren, auch wenn es sich um scheinbar ganz unbedeutende 
Angelegenheiten handelt, die solche Bescheinigung erforderlich 



— 90 — 

machen. Niemals gebe man ein derartiges Schriitstück aus den 
Händen, ohne sich durch Autopsie und objective Untersuchung 
von der Wahrheit der subjectiven Angaben Desjenigen, der das 
Attest verlangt, überzeugt zu haben. Auch Todtenscheine stelle 
man nicht vor Besichtigung der Leiche aus, selbst wenn man 
am Tode des Betreffenden keinen Zweifel zu hegen braucht. Man 
bereitet sich duixh das Ausserachtlassen dieser Vorschriften mit- 
unter die peinlichsten Verlegenheiten und macht sich überdies 
schwer strafbar (§ 278). Leider werden oft in dieser Beziehung 
an den Arzt ebenso freche als abenteuerliche Zumuthungen ge- 
stellt und es muss zugestanden werden, dass in der That einzelne 
Fälle existiren, wo die CoUegen aus dem Conflict zwischen Pflicht 
und anderweitigen Interessen nicht zu Gunsten der ersteren als 
Sieger hervorgegangißn sind. 

Was die Formalien hinsichtlich der Bedaction eines solchen 
Attestes betrifft, so existiren auch darüber in Menge Angaben 
in der Litteratur, auf deren Studium hiermit gleichfalls allgemein 
verwiesen sein mag. — Das? der Kassenarzt überdies in der 
Gewerbehygiene und dem Gebiet der Gewerbekrankheiten 
besonders heimisch sein muss, bedarf wohl keines Beweises. 



XIII. 

Der Medicinalbeamte. 

Aus ADlass der reichsgesetzlicLen Verallgemeinerung der 
Kassenpraxis und der dadurch verursachten Ungunst in der 
materiellen Lage der Aerzte sind von verschiedenen Seiten neuer- 
dings Vorschläge gemacht worden, welche darauf hinauslaufen, 
den ärztlichen Stand zu verstaatlichen, d. h. die Aerzte zu Staats- 
beamten mit fester auskömmlicher Besoldung, etwa nach Analogie 
des ßichterstandes zu machen. So gut gemeint alle diese Be- 
trachtungen sind^), so mttssen sie einstweilen nicht bloss rück- 
sichtlich der finanztechnischen Realisirung, sondern auch in der 
Grundidee selbst als die reinsten Utopien angesehen werden, 
wenn man erwägt, dass beispielsweise in einem Staat wie Preussen 
noch nicht einmal die dringend von den besten Vertretern unseres 



^) Zu dem relativ Besten und Beachtenswerthesten, was uns auf 
diesem Gebiete in der Litteratur begegnet ist, rechnen wir einen Aufsatz 
von Dr. Trilling, Arzt in Sebnitz, zu lesen in der Märznummer II des 
Aerztl. Vereinsblattes. Den dort gestellten positiven Antrag einer aU- 
gemeinen Besteuerung der Bevölkerung, der tibrigens im Widerspruch 
steht mit den Ausführungen Trilling's in einer früheren, sonst sehr 
lesenswerthen Schrift (»Die sociale Lage der deutschen Aerzte und ihre 
Verbesserung durch die Verstaatlichung der Icassenftrztlichen Praxis etc.", 
Leipzig 1895, Pock), müssen wir allerdings als entschieden ebenso ver- 
fehlt, wie das Project der Verstaatlichung überhaupt bezeichnen. Solche 
Steuer, die schliesslich nur die Reichen trotten müsste, werden sich 
die^e nicht gefaUen lassen und die Regierung wird sie aus juristischen 
und politischen Gründen nicht acceptiren können. Sollen die auf Ver- 
staatlichung des arztlichen Standes gerichteten Gedanken überhaupt 
discutabel werden und reale Gestalt gewinnen, so wftre zuaAchst ein 
Plebiscit (s. v. v.) aller deutschen Aerzte erforderlich über die Präge» 
ob sie diese ihnen zugedachte »Wohlthaf (!) auch wirklich wünschen» 
ferner müsste, wenn die Abstimmung eine überwältigende Majorität zu 



— 92 — 

Standes seit einem halben Jahrhundert geforderte und Angesichts 
der neueren hygienischen Fortschritte als unabweisbar geltende 
Reform des Medicinalwesens — wesentlich aus Mangel au 
Mitteln — hat in's Werk gesetzt werden können. Dass diese 
Medicinalreform einmal kommen wird und muss, ja dass sie sich 
eigentlich bereits hier und da ganz latent anbahnt und dass wir 
infolge mancher regierungsseitig theils geplanter, theils gethanener 
Schritte in gewisser Beziehung uns mitten in einer solchen be- 
finden, dürfte wohl keinem Zweifel unterliegen. Hoffentlich 
haben wir nicht mehr so lange vergebens auf sie zu warten, 
wie der orthodoxe Jude auf seinen Messias. Immerhin empfiehlt 
es sich unter den obwaltenden Verhältnissen schon jetzt, dass 
jeder College, dem es — vielleicht infolge Mangels gewisser 
persönlicher Vorzüge oder aus irgend welchen anderen Gründen — 
nicht gelingt, zu einer befriedigenden Praxis zu kommen, oder 
der bei aller Liebe für ärztliche Wissenschaft und Kunst eine 



Gunsten der VerstaatUchung ergäbe, woran wir zweifeln, eine voll- 
stfindlge Enquete Über alle hn deutschen Reiche vorhandenen, mit festen 
Gehaltem dotirten Aerztestellungen vorgenommen werden; durch Ver- 
einigung mehrerer, mit kleineren Gebaltsposten ausgestatteter, mOssten 
auskömmliche Stellungen geschaffen und diese von einer ad hoc ein- 
gesetzten centralen Reichsbehörde je nach der Anciennetftt und den in 
den PrOfungen bekundeten Leistungen den CoUegen übertragen werden 
(unter Berücksichtigung evcnt. persönlicher Wünsche und Verhältnisse 
wie bei den Richtern), ferner müssten die Arbeitnehmer gftnzlich von 
der Verpflichtung zur Beitragszahlung an die Krankenkassen befreit 
werden, die Kosten der Krankenversicherung lediglich als nobile officium 
von den Arbeitgebern resp. unter Unterstützung des Staates und der 
Gemeinden getragen, die Verwaltungen der Kassen local oder staat- 
lich centralisirt werden und die Vorstande darauf Verzicht leisten, den 
Arzt nach eigenem Gutdünken den Versicherten aufzudrängen, vielmehr 
als Laien die Ernennung des betr. Arztes der centralen Sachverständigen- 
Commission überlassen. Als Correlat dazu wAre dann von sftmmtlichen 
deutschen Aerzten die Absolvirung der Prüfung pro physicatu zu fordern 
(vergl. den Schluss dieses Capitels). Wo ist der gewaltige Mann, der 
mit einem warmen Herzen für die Interessen des ärztlichen Standes 
zugleich die Kraft verbindet, eine so revolutionäre Aenderung unserer 
Verhältniese, wie die hier vorgeschlagene, durchzusetzen? Einstweilen 
halten wir dieses ganze Project für ein vollständiges Lnftschloss, an 
dessen Bau die hervorragenden Specialisteu mit ihren horrenden Ein- 
nahmen (gewiss unbetheiligt sind. 



— 93 — 

Abneigung gegen die verschiedenen Beruf:?scliwierigkeiten und 
Sorgen des frei practicirenden, dagegen mehr Neigung für die 
autoritative und finanziell sicherer basirte Stellung des beamteten 
Arztes tiihlt, sich unmittelbar nach der gesetzlich vorgeschrie- 
benen Wartezeit der Prüfung pro physicatu unterzieht und da- 
durch sich die Anwartschaft auf die Anstellung als Medicinal- 
beamter sichert. Unbedingt hat dieser ceteris paribus in materieller 
und socialer Beziehung Manches vor dem freien Practiker bei 
der heutigen Zeitströmung voraus. Der beamtete Arzt, in Preussen 
der Kreisphysikus resp. der Kreiswundarzt, ist das berufene 
staatliche Organ zur Entscheidung gerichtsärztlicher und hygie- 
nischer Fragen ; er führt die Aufsicht über die Apotheken seines 
Bezirks, ihm fallen als Entschädigung für seine besonderen amt- 
lichen Leistungen eine Reihe von Sportein zu, welche neben dem 
allerdings sehr winzigen festen Gehalte immerhin ein verhältniss- 
mässig sicheres und ehrenvolles Einkommen ausmachen; bei Ver- 
gebung der Anstalts- (Gefängniss- etc.), Kassen-, Bahn-, Lnpf-, 
Armenarztstellungen, soweit darüber die Behörden m verfügen 
haben, wird er von diesen mit Vorliebe berücksichtigt; er ist 
ex officio genöthigt, mehr als der gewöhnliche Practiker mit der 
Wissenschaft Fühlung zu halten, während doch zweifellos viele 
Practiker, besonders auf dem Lande, infolge ihres Berufes leicht 
Gefahr laufen, allen Disciplinen, welche nicht rein practisches 
Interesse haben, mit der Zeit entfremdet zu werden, mit einem 
Wort, es unterliegt keinem Zweifel, dass der M edicinalbeamte 
durchschnittlich eine materiell, social and wissenschaftlich bevor- 
zugtere Stellung einnimmt. In Bücksicht darauf, dass diese in 
absehbarer Zeit noch mehr an Bedeutung gewinnen muss, möchten 
wir, wie gesagt, jedem jungen Collegen ohne Ausnahme (soweit 
er nicht sich für die specialistische oder academische Laufbahn 
berufen fühlen sollte) den dringenden Bath ertheilen, nicht bei 
der Absolvirung des Staatsexamens Halt zu machen, sondern 
diesem sobald als möglich auch die Medicinalbeamtenprüf ung nach- 
folgen zu lassen. Wohl belastet er sich dadurch fnr's Erste mit 
weiteren pecnniären und anderen Optem, aber sie sind nie ver- 
gebens gebracht, sondern, abgesehen von der wissenschaftlichen 
Bereicherung, tragen sie mit der Zeit auch materielle Früchte 
und gewähren zugleich diejenige Befriedigung, die Jeder fühlt^ 



— 94 — 

der im Leben einen erfolgreichen Schritt vor- und aufwärts thut. 
Auf die Anforderungen hinsichtlich der Vorbereitung zu dieser 
Prüfung, sowie auf den Pflichtenkreis des beamteten Arztes gehe 
ich hier selbstverständlich nicht weiter ein, sondern verweise in 
dieser Beziehung auf die massenhaft vorhandene Litteratur. 



XIV- 

Nachwort* 

Ich bin einstweilen am Ende meiner medicinisch-deontolo- 
gischen Betrachtungen. Zur nachträglichen Captatio bene- 
volentiae des geehrten Lesers will ich noch einmal betonen, dass 
ich nur ein Tableau in allgemeinen Umrissen liefern und keines- 
wegs den anmaassenden Anspruch auf absolute Vollständigkeit 
und Richtigkeit des Gesagten erheben wollte. Das Ganze ist 
von mir mehr als ein Anhang zu academischen Vorlesungen über 
medicinische Encyclopädie und Methodologie resp. als ein Supple- 
ment dazu, sowie als ein kleiner Leitfaden beim Eintritt in die 
Praxis gedacht. Den Mangel an tieferer Durcharbeitung möge der 
Umstand entschuldigen, dass mir für meine XIII med. Glaubens- 
Artikel nur kurze Zeit zur Verfügung stand, und dass ich 
sie sozusagen prima vista habe niederschreiben müssen. Ultra 
posse nemo obligatur! Ich hoffe trotzdem, dass sie auch 
in dieser kahlen Gestalt ihren Zweck nicht ganz verfehlen 
werden. 

Hätte ich im Rahmen dieser Arbeit Alles geben wollen, 
was mit dem Thema in directem oder indirectem Zusammenhang 
steht, so hätte ich sie gleichsam wie einen grossen Sack figuriren 
müssen, in den man alles Mögliche hineinstopft, aber aus dem 
nachher die Herausbeförderung dessen, was man braucht, ungemein 
schwierig und nicht ohne grosse Unordnung und Verwirrung 
des Ganzen möglich ist. 

Und nun noch ein Wort! Von allen Seiten regnet es 
förmlich Vorschläge 2ur Hebung und Besserung der Lage des 
ärztlichen Standes. Ich bleibe dabei: nur wenn wir gleich- 
massig Tüchtiges in allen Specialfächern der medicinischen Kunst 



— 96 — 

leisten, werden wir uns auch als freie und nicht verstaatlichte 
Männer eine materiell solide Basis schaffen und das Proletarier- 
thum in unserem Stande auf ein Minimalmaass herabsetzen 
können. Da habe ich mir denn ein Ideal, wenn man will zu- 
nächst auch eine Utopie, über das Thema zurecht gelegt, wie 
unsere Vorbildung und Ausbildung resp. unsere Prüfungen be- 
schaffen sein sollen. So absolutistisch es klingt, einzelne Thesen 
ohne jede Begründung zu geben, so will ich doch heute diesen 
Weg einschlagen, um recht kurz zu sein und nicht femer zu 
langweilen. Mit diesem meinem Credo will ich denn auch 
schliessen. 

Ich fordere also für den künftigen Mediciner: 

1) Unbedingt und obligatorisch realgymnasiale Vorbildung 
(Zeichnen, Mathematik, Physik, moderne Sprachen!). 

2) Nach vier Semestern die erste Staatsprüfung in 
Anatomie, Physiologie, Histologie und Chemie. Physik, Botanik, 
Zoologie, vergleichende Anatomie als besondere Prüfungsgegen- 
stände sind überflüssig, weil die nöthigen Kenntnisse theils 
schon von der Schule mitgebracht werden, theils in der Prüfung 
über Physiologie und Histologie an den Tag gelegt werden sollen 
und können. Die Prüfung ist eine sehr strenge, ersetzt die 
erste und zweite Station des jetzigen Staatsexamens und dauert 
etwa eine Woche (incl. Präparat), kann event. auch mit schrift- 
lichen Elaboraten verbunden werden. 

3) Nach weiterem Studium von 6 Semestern die zweite 
Staatsprüfung, die eigentlich klinisch -practische (oder 
heiltechnische), bestehend aus folgenden Abtheilnngen : 

a. der chirurgischen, 

b. der dermatologischen (incl. Syphilis), 

c. der ophthalmiatrischen, 

d. der inneren Medicin (incl. Laryngologie und Neurologie), 

e. der Materia med. und practischen Therapeutik, 

f. der geburtshilflich-gynäkologischen. 

Dauer ad maximum 10 Wochen. Die übrige technische 
Organisation nach dem Muster des jetzigen Cursus. 



— 97 ~ 

4) Es folgt dann der practische Krankenhaasdienst*) resp. 
eine weitere Vorbereitungszeit für die dritte Staatsprüfung, 
die hygienisch-forensische, die für jeden Arzt fortab obligatorisch 
werden soll in: 

a. pathologischer Anatomie und Histologie, 

b. Bacteriologie, 

c. forensischer Medicin, 

d. Psychiatrie, 

e. Hygiene, 

f. Medicinal-, Sanitätsgesetzgebung resp. technischen Ver- 
waltungsfragen (Apothekenvisitation etc.). 

Selbstverständlich hätten, wie früher, dieser mündlich-prac- 
tischen Prüfung auch die üblichen schriftlichen und theoretischen 
Arbeiten vorauszugehen. 

*) Diese Ansicht stellt nicht im Widerspruch mit dem in Cap. III 
bezüglich des practischen Krankenhausjahres Gesagten. So lange die 
alte Organisation bleibt, halte ich es natürlich für nützlicher, wenn ein 
einjähriger Krankenhausdienst der Staatsprüfung vorausgeht. 



Nachtrag zu Abschnitt YIII. 

Üluiz vor Beendigung des Druckes dieser Schrift leinte ich 
noch eine für den Landarzt ausserordentlich zweckmässige und 
empfehlenswerthe Monographie vom San.-R. Dr. M. Vogel aus 
Eisleben über „Die Buchführung und schriftliche Geschäfts- 
führung des Arztes" (Stuttgart 1896, Enke, 204 pp.) kennen. 



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unaant vom Staim- » 

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l \ ligunn ohue Spiegel), Von Dr. Alf.f'l K<i--,tnn, 

Berlin ,,50. 


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i| Dr. 0<r( J1in>.r, Berlin 2,-. | 


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